Ein Samstag im Gefängnis – mit Lost Places Erfurt und Umgebung

Ein Samstag im Gefängnis – mit Lost Places Erfurt und Umgebung

Schummrige Lichtverhältnisse, knackende Geräusche, von denen man nicht weiß, ob sie echt sind oder doch nur Einbildung, der Geruch von Staub, Erinnerungen an längst vergangene Tage. Wer einmal einen Lost Place – einen verlassenen und vergessenen Ort – besucht hat, wird es mit großer Wahrscheinlichkeit wieder tun. Egal ob Geocacher, Fotograf oder Hobby-Indiana Jones – die Faszination Lost Place ist riesig und greift immer mehr um sich. Auch drei Jungs aus Erfurt können sich ihr seit einer Weile nicht mehr entziehen und brechen bewaffnet mit Kamera, Stativ, GPS-Gerät und Co. zu immer neuen Abenteuern in der Stadt und im Umland auf. Ich durfte Lost Places Erfurt und Umgebung auf einer ihrer vergangenen Touren begleiten – und habe mich dafür freiwillig hinter Gitter begeben.

Ganz normaler Blogger-Alltag (?)

Seit der Gründung von Feels like Erfurt kommt es ziemlich oft vor, dass ich mich zu Blind Dates verabrede. Ich treffe mich regelmäßig mit Leuten, die ich gar nicht, beziehungsweise nur online kenne. Ganz normaler Blogger-Alltag sozusagen 😉 Dass ich mich mit mir unbekannten Menschen treffe und mit diesen zu einem mir völlig unbekannten Ort fahre, war jedoch eine ganz andere Nummer und völlig neue Erfahrung für mich. Alles, was ich wusste, war: Wir fahren zu einem (nicht gerade kleinen) Lost Place, den wir mit offizieller Genehmigung von oben bis unten unter die Lupe nehmen dürfen.

In meiner Vorstellung war es ein großes, altes Herrenhaus, mitten im Wald, fast unsichtbar vor lauter Bäumen und anderen Pflanzen rund herum. Entsprechend überrascht war ich, als unser kleiner Konvoi auf einem Parkplatz im Ortskern von Ichtershausen hielt. Hier soll es sein? Ein abgefahrener Lost Place mitten im Dorf? Für einen Moment war ich etwas perplex – bis ich die Stacheldrahtrollen auf den hohen Mauern erblickte und verstand, dass wir vor einem Gefängnis standen. Genauer: Vor dem stillgelegten Gefängnis von „Kittchenhausen“.

Die 3 goldenen Lost Place-Regeln

Dass ich dir verrate, wo sich der Lost Place befindet, ist eine absolute Ausnahme. Normalerweise verpflichten sich die „Urbexer“ (Urban Explorer) – so nennt man die Fans verlassener Orte im Fachjargon – selbst zu absolutem Schweigen. „Nenne nie den genauen Standort“, so lautet eine der obersten Gebote in der Lost Place-Szene. Weitere Regeln: „Die Sicherheit geht immer vor“ und „Nimm nichts mit und lasse nichts dort“.

Auch das Trio von Lost Places Erfurt und Umgebung hält sich strikt an diese Regeln. Sie wissen, dass sie ein spezielles Hobby haben, das auch mit gewissen Risiken einhergeht. Doch auch wenn nicht jeder Untergrund vertrauenswürdig und nicht jeder Foto-Ausflug genehmigt ist, lassen sie sich doch nie abschrecken.

Ich habe Emil, Gerd und Sven – die eigentlich ganz anders heißen – gefragt, was genau sie an den Lost Places so fasziniert. Neben den abwechslungsreichen Fotomotiven ist es vor allem die Erkenntnis, dass sich die Natur alles zurückholt, was der Mensch aufgibt. Nicht zuletzt, da sind sich die drei einig, ist es aber auch der Kick, der mit jedem Lost Place-Besuch einhergeht und der in gewisser Weise süchtig macht. Ich kann das bestätigen.

Wie alles begann…

Auch wenn Emil, Gerd und Sven als Team perfekt harmonieren und man fast meinen könnte, sie hätten nie etwas anderes gemacht als gemeinsam Lost Places zu fotografieren, war die Gruppe nicht von Anfang ans als Trio unterwegs. Zu Beginn zog Emil alleine los – bis er irgendwann von Gerd gefragt wurde, ob er mit einsteigen darf. Nach einem Kennenlern-Treffen – selbstverständlich an einem Lost Place – ging es für die beiden als Duo weiter. Als letztes kam Sven mit ins Boot. Dieser war Emil aufgefallen, weil er hin und wieder Lost Places in Erfurt fotografierte und die Bilder in den sozialen Netzwerken teilte. Weitere Mitglieder soll Lost Places Erfurt und Umgebung in nächster Zeit jedoch nicht bekommen. Verständlich, denn die Orte, die die drei besuchen, sind immerhin keine Massentourismus-Ziele.

Damit das so bleibt, lassen sich Emil, Gerd und Sven auch nie entlocken, wo ihre Fotos entstanden sind – egal, wie oft man sie unter ihren Facebook- und Instagram-Bildern danach fragt. Die drei Urbexer wissen, was passieren kann, wenn man die Standorte der Lost Places öffentlich macht. Um Diebstahl und Vandalismus zu vermeiden, hüllen sie sich in Schweigen.

Auf der Jagd nach den verlassenen Orten

Weil um die Lage der Lost Places meist ein großes Geheimnis gemacht wird, müssen natürlich auch Emil, Gerd und Sven stets Augen und Ohren offen halten, um neue Fotomotive ausfindig zu machen. Sven verriet mir im Gespräch, dass man im Laufe der Zeit einen Blick für die Locations entwickelt und lernt, verschiedene „Hinweise“ wie beispielsweise alte Schornsteine zu erkennen. Er weiß auch, dass es in Erfurt und Umgebung weit mehr Lost Places gibt, als Otto Normal vermuten würde.

Unterstützung bei ihrer Jagd nach verlassenen Orten erhalten die drei Hobby-Fotografen auch von ihrer Community. Viele Fans und Follower kennen interessante Locations im Stadtgebiet und im Umland – teilweise noch aus ihren Kindheitstagen – und wollen gern wissen, wie es dort jetzt aussieht. Weitere wichtige Anhaltspunkte, die beim Finden neuer spannender Lost Places behilflich sind, liefern Google Earth und Google Maps.

Die Geschichten der Lost Places

Mich hat nicht nur interessiert, wie Emil, Gerd und Sven einen Lost Place finden, sondern auch wie sie ihn überhaupt definieren. Im Internet findet man nämlich die unterschiedlichsten Ansätze – von einer zugewachsenen Treppe im Industriegebiet bis hin zum gespenstischen Anwesen im Wald. Für Emil ist die Antwort einfach: Der Ort muss tolle Fotomotive liefern und eine interessante Geschichte haben. Diese versuchen die drei immer herauszufinden, ehe sie ihre Bilder der Öffentlichkeit präsentieren. Neben dem WWW dient ihnen auch hier wieder ihre Community, die auf Facebook immerhin schon mehr als 5200 Fans umfasst, als wichtige Informationsquelle. Die Erfahrung hat gezeigt, dass sich das Recherchieren lohnt. Nicht selten haben die verlassenen Orte nämlich eine interessante Vergangenheit, die dazu führt, dass man die Bilder nochmal mit ganz anderen Augen betrachtet.

Einmal Kittchen und zurück

Nochmal zurück zum Gefängnis von Ichtershausen. Dieses wurde erst 2014 stillgelegt, hat in der Zeit aber schon reichlich „Lost Place-Charme“ angesammelt. Stacheldraht, zurückgelassene Alltagsgegenstände und leerstehende Zellen weckten in mir allerdings nicht nur Begeisterung (wegen der tollen Fotomotive), sondern auch immer wieder Beklemmung – die mich irgendwann auch dazu gezwungen hat, einen Gebäudeteil fluchtartig zu verlassen (Platzangst lässt grüßen).

Trotzdem kann ich verstehen, warum es Menschen immer wieder zu solchen verlassenen Orten zieht. Es ist eine Mischung aus „auf den Spuren der Vergangenheit wandeln“ und Nervenkitzel. Ich geb‘ zu, dass ich froh war, als wir wieder raus aus dem Gefängnis durften – und weiß doch schon, dass es nicht mein letzter Lost Place-Besuch gewesen ist. Die Faszination ist einfach zu groß. Die nachfolgenden Bilder können das hoffentlich beweisen 🙂 

Vielen Dank an die drei Jungs von Lost Places Erfurt und Umgebung, die mich mit auf ihre Foto-Tour in die ehemalige Strafvollzugsanstalt Ichtershausen genommen haben. 

Lost Places Erfurt und Umgebung im Web

Lost Places Erfurt und Umgebung auf Facebook

Lost Places Erfurt und Umgebung auf Instagram


Liebste Grüße,

Jessi

Fotos: © Jessika Fichtel | Feels like Erfurt 

Jessi About Jessi
Jessi ist seit zwei Jahren Wahl-Erfurterin. Ihren Wohnortwechsel hat sie zum Anlass genommen, einen Blog (über die Thüringer Landeshauptstadt) zu starten. Wenn sie sich nicht gerade um ihr Baby Feels like Erfurt kümmert, arbeitet sie als freiberufliche Autorin und schreibt gerade an ihrem Erstlingsroman.

2 Gedanken zu „Ein Samstag im Gefängnis – mit Lost Places Erfurt und Umgebung

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