Christopher Street Day in Erfurt: Wie tolerant ist unsere Stadt wirklich?

Christopher Street Day in Erfurt: Wie tolerant ist unsere Stadt wirklich?

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Am 25. August geht die Erfurter LGBTIQ-Community wieder einmal auf die Straße und formuliert beim Christopher Street Day (kurz: CSD) bunt und unüberhörbar ihre Forderungen. Eingerahmt wird die Parade durch die Erfurter Innenstadt von zwei Aktionswochen.

Auf dem Programm stehen die unterschiedlichsten Punkte – von der (Fetisch-)Party über Informations- und Kulturveranstaltungen bis hin zum Gottesdienst. Ich habe mich mit Fabian, einem der Organisatoren getroffen, um mit ihm über den CSD Erfurt im Allgemeinen und die Forderungen der Community im Speziellen zu reden. In unserem Gespräch fragte ich ihn außerdem, wie offen, bunt und tolerant Erfurt wirklich ist.

Das ist Fabian; Foto von Michael Kost

Die Anfänge des CSD Erfurt

Wie lang es den CSD in Erfurt bereits gibt, weiß irgendwie niemand im Bündnis so ganz genau, erklärt mir Fabian lachend. Er selbst kennt ein Foto aus den späten 90er Jahren, einer Zeit, in der er selbst noch nicht mal auf der Welt war, das belegt, dass es schon damals eine Demonstration der queeren Community in Erfurt gegeben hat. Tatsächlich, so forschte er später noch für mich nach, ging diese erstmals 1998 auf die Straßen – was wiederum bedeutet, dass der Christopher Street Day in Erfurt dieses Jahr sein 20-jähriges Jubiläum feiert.

Die Anfänge des CSD Erfurt können als klein – und dennoch nicht unbedeutend – beschrieben werden. Erst in den letzten Jahren ist die Demonstration stark gewachsen. Immer mehr Protestierende kamen zur Parade, immer mehr Organisationen und Institutionen schlossen sich zusammen, sodass nach und nach eine stetige Professionalisierung stattfand.

Heute setzt sich das CSD-Bündnis aus unterschiedlichen Akteuren wie dem Frauenverein Brennnessel, dem Thüringer Lederclub, links-grünen Parteien und natürlich dem CSD-Verein zusammen. Letzterer trägt vor allem die finanzielle Verantwortung. Die Planung, Organisation und Umsetzung der Parade und der Aktionswochen (in diesem Jahr sind es erstmals zwei!) wird von allen Beteiligten gleichermaßen übernommen.

Klingt nach einer schwierigen Umsetzung, doch Fabian, der die Rolle des Koordinators innehat, versichert mir, dass die Beteiligten Hand in Hand arbeiten – schließlich verfolgen auch alle das gleiche Ziel.

Erfurt braucht ein queeres Zentrum!

Wie in allen anderen Städten geht auch die Erfurter Community Jahr für Jahr auf die Straßen, um auf verschiedene Forderungen aufmerksam zu machen. Um welche es sich dabei im Detail handelt, kannst du gern hier nachlesen.

Das wohl wichtigste Anliegen des Bündnisses: Ein von der Stadt finanziertes und mit hauptamtlichem Personal besetztes Zentrum für queere Personen aus Erfurt und ganz Thüringen.

Im Gespräch berichtet mit Fabian, dass das aktuelle Angebot vor Ort sehr dürftig ist. Zwar gebe es vereinzelte Anlaufstellen für Angehörige der LGBTIQ-Szene – beispielsweise die Hochschulgruppe QueErfurt, die AIDS-Hilfe, den Fetisch-Club OX’s und einen Treff für Trans-Personen – doch seien diese eben nur punktuell, unregelmäßig und alle ehrenamtlich geleitet.

Was fehlt, sind eine gute, allumfassende Infrastruktur und eine Einrichtung, die die Rolle als „Dach“ übernimmt.

Die Szene ist sich einig: Um den Menschen die Möglichkeit zu geben, sich zu vernetzen und ein professionelles Beratungsangebot (insbesondere für junge Leute) zu schaffen, muss ein übergeordnetes Zentrum her – und dafür geht die Community (unter anderem) am 25. August auf die Straße.

Das erwartet dich in den CSD-Aktionswochen

Fabians unumstrittenes CSD-Highlight ist natürlich die Parade mit dem anschließenden Straßenfest auf dem Anger, die er selbst als „Leuchtturm der LGBTIQ-Community“ in Erfurt bezeichnet. Denn dann kann diese nicht nur ihre Forderungen laut äußern, sondern auch – zumindest für ein paar Stunden – feiern, „dass die Stadt uns gehört“, so formuliert es mein Gesprächspartner schwärmerisch.

Doch er verriet mir auch, dass es sich durchaus lohnt, einen genaueren Blick in das Programm der Aktionswochen zu werfen. Dieses ist nämlich mindestens genauso vielfältig wie die queere Szene in Erfurt.

Ich finde es großartig, dass sich die einzelnen Akteure individuell einbringen und auf diese Weise ein buntes Potpourri aus Partys, Lesungen, Workshops, Konzerten und mehr entstanden ist. Sogar ein Gottesdienst gehört zu den Aktionswochen des CSD Erfurt vom 17. bis 31. August, denn „für uns stellt sich nicht die Frage, zwischen Glauben und Queer sein wählen zu müssen, denn wir sind der festen Überzeugung, dass beides geht.“ ist es in der Programmübersicht zum CSD Erfurt 2018 zu lesen.

Veranstaltungstipp: Eine Veranstaltung, die nicht nur beim Lesen ziemlich interessant klingt, sondern mir auch von Fabian ans Herz gelegt wurde, ist das Konzert vom schwulen Männerchor „Die Tollkirschen“, das am Sonntag, 19. August, ab 19.30 Uhr in der Michaeliskirche stattfindet.

Wie tolerant ist Erfurt wirklich?

Seit ich in Erfurt lebe – übrigens bei weitem nicht so lang wie Fabian – nehme ich die Stadt als bunt und vielfältig wahr. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – wollte ich von meinem Gesprächspartner wissen, wie sein Eindruck diesbezüglich ist.

Fabians Antwort: „Erfurt hat ein riesiges Problem mit rechten Strukturen“ und zuzusehen, wie wenig Gegenprotest sich in der Stadt regt, erschüttert ihn sehr. Seine nüchterne Einschätzung: Erfurt ist kein Leuchtturm der Vielfältigkeit – auch wenn viele, die hier leben, die Stadt als solche empfinden und nach außen gern entsprechend darstellen.

Ich selbst kann mich da nicht ausklammern, denn auch ich betone immer wieder gern, wie bunt, vielschichtig und offen Erfurt ist. Nur das Problem: Wer sich (fast) ausschließlich mit toleranten Menschen umgibt, empfindet die Stadt auch insgesamt als weltoffen. Das typische Filterblasen-Phänomen, das nicht nur online, sondern auch offline hervorragend funktioniert…

Und was wünschst du dir für Erfurt, Fabian?

Fabian ist mit seinem Wunsch für die Zukunft Erfurts ganz sicher nicht allein: Weg von rassistischen und queerfeindlichen Auseinandersetzungen, hin zu einer offenen und toleranten Stadtgesellschaft.

Und damit einhergehend: „Ich wünsche mir, dass irgendwann ganz Erfurt zum CSD auf die Straße geht und ein Fest feiert – auch wenn man selbst gar nicht direkt ‚betroffen‘ ist.“

Ein schöner Wunsch, wie ich finde – an dessen Realisierung wir am 25. August alle gemeinsam arbeiten können.


Liebste Grüße,

Jessi

Fotos: Michael Kost und CSD Erfurt

About Jessi
Jessi ist seit drei Jahren Wahl-Erfurterin. Ihren Wohnortwechsel hat sie zum Anlass genommen, einen Blog (über die Thüringer Landeshauptstadt) zu starten. Wenn sie sich nicht gerade um ihr Baby Feels like Erfurt kümmert, arbeitet sie als freiberufliche Autorin und schreibt an ihrem Erstlingsroman.