Nachhaltig einkaufen im “Fairly Fair“ – Christoph Blanke im Interview

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Nachhaltig einkaufen im “Fairly Fair“ – Christoph Blanke im Interview

Inhaltsübersicht
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*Dieser Artikel ist Teil der Reihe „Nacht(l)tig aktiv in Erfurt“ ein Projekt, welches im Rahmen des kulturellen Jahresthemas der Stadt Erfurt „Kultur hallt nach“ ist. Wir stellen euch nachhaltige Akteur:innen der Stadt vor, die unserer Meinung nach einen großen Unterschied im nachhaltigen Stadtleben machen.

Wer seinen Einkauf nachhaltiger gestalten möchte, ist im “Fairly Fair“ am Leipziger Platz genau richtig. Hier findet ihr Lebensmittel, die an anderer Stelle – in Supermärkten, Bäckereien oder auf dem Wochenmarkt – übrig geblieben sind und somit vor dem Müll gerettet wurden. Doch auch gebrauchte Kleidung und Bücher, die eine:n neue:n Besitzer:in suchen, können im “Fairly Fair” erworben werden. Wie das genau funktioniert und warum das “Fairly Fair“ ein unverzichtbarer Ort für Erfurt ist, erzählt uns der Hauptverantwortliche Christoph im Interview und wir ziehen jetzt schon unseren Hut. Denn Christoph richtet seinen gesamten Alltag an der ehrenamtlichen Arbeit im “Fairly Fair“ aus und zeigt unheimlich viel Einsatz, wenn es darum geht, (Lebensmittel-)Verschwendung zu stoppen.

Ganz grob erst einmal: Was ist das “Fairly Fair“? 

Das “Fairly Fair“ ist in erster Linie ein Verein, mittlerweile aber auch ein Laden, in dem sich die Vereinsmitglieder auf unterschiedliche Art und Weise engagieren – hinter dem Verkaufstresen stehen oder im Hintergrund helfen, da gibt es ja unheimlich viel zu tun. Momentan stemmen wir das Ladengeschäft zu fünft und arbeiten alle ehrenamtlich, das ist gar nicht anders möglich.

Im “Fairly Fair“ verkaufen wir Lebensmittel, die irgendwo übrig sind oder deren Mindesthaltbarkeitsdatum bereits abgelaufen ist. Dass die Produkte trotzdem noch unbedenklich genießbar sind, stellen wir natürlich vorher anhand von Proben und Kontrollen fest. Das passiert wöchentlich. Im normalen Supermarkt dürfen abgelaufene Artikel nicht mehr verkauft werden und landen deshalb im Müll; genau wie Lebensmittel mit kleinen Produktionsfehlern oder Obst und Gemüse, das nicht dem Ideal entspricht. Wenn wir es arrangieren können, verkaufen wir eben solche Sachen dann hier im Laden. Im “Fairly Fair” kann man nicht nur Dinge kaufen, sondern auch abgeben: Klamotten, die nicht mehr getragen werden, Bücher, die nicht mehr gelesen werden oder Haushaltsgegenstände, die nicht mehr genutzt werden. Für manch eine:n ist der Laden sogar zum unverzichtbaren Treffpunkt geworden, um einfach zusammenzukommen und den Nachmittag gemeinsam zu verbringen – das finde ich wirklich toll. 

Welchen Bezug hast du zum Verein “Fairly Fair“? 

Fairly Fair Erfurt - Christoph Blanke
Christoph Blanke

Ich habe mich schon immer gerne ehrenamtlich engagiert und habe wohl das, was man eine soziale Ader nennt. Ich musste aber feststellen, dass es bei vielen Vereinen und Anlaufstellen für Bedürftige noch Nachholbedarf gibt, was die Verteilung von Waren angeht. Deswegen wollte ich mich selbst noch stärker engagieren und bin dann zusammen mit Bekannten auf die Idee des “Fairly Fair“ gekommen. Ich habe den Verein 2019 gegründet und gemeinsam mit meiner Mama aufgebaut. Mittlerweile habe ich mir auch einen neuen Hauptjob gesucht, um flexibel zu sein und jeden Tag spontan planen zu können, je nachdem wie es der Laden gerade erfordert. Also eigentlich mache ich meinen Job nebenbei und den Laden hauptberuflich. ;)

Wofür stehen Verein und Laden? 

Wir stehen für Nachhaltigkeit und den Versuch, weniger Müll zu produzieren sowie der allgemeinen Verschwendung von Dingen, seien es Lebensmittel, Kleidung oder Alltagsgegenstände entgegenzuwirken. Daher nehmen wir grundsätzlich erstmal alles an, was im Laden abgegeben wird, auch wenn es nicht perfekt ist. Klamotten zum Beispiel schauen wir durch, waschen sie und verkaufen sie dann entweder hier oder geben sie an andere Vereine oder Upcycling-Projekte weiter. Vor Corona haben wir auch selbst Upcycling betrieben und Einkaufsbeutel aus alten Klamotten genäht. Damit wollen wir bald wieder anfangen. Es ist unser größtes Anliegen, dass nichts verschwendet wird. Wir nehmen auch Bücher an, verkaufen sie im Laden, verteilen sie in Bücher-Telefonzellen oder vermitteln sie ans Thüringer Archiv. Außerdem gehen wir zu Haushaltsauflösungen und schauen, welche Gegenstände wir retten können. 

Und wie sieht das mit den Lebensmitteln aus? Wie finden die ihren Weg zu euch in den Laden?

Vieles läuft tatsächlich über Kooperationen. Unser ältester Kooperationspartner ist die “Bäckerei Bergmann“ mit ihrem Projekt “Yesternday“. Im “Yesternday“ verkauft die Bäckerei Bergmann Brot, Brötchen und andere Backwaren vom Vortag (weil sie sowieso noch lecker schmecken) und die Gewinne werden gespendet. Ansonsten haben wir auch lange mit Born zusammengearbeitet. Soßen, die aus dem Sortiment genommen oder Tuben, die einfach falsch etikettiert wurden, landen dann bei uns. Auch mit “Søstrene Grene“ am Anger und “Viba“ am Fischmarkt arbeiten wir zusammen. Weitere Partner:innen sind “Food Sharing“ in Weimar und Jena. Bundesweit sind wir außerdem gut mit anderen Lebensmittel-Sonderposten vernetzt – unter anderem in Köln, Dortmund und Münster. So haben wir uns über die Jahre ein kleines Netzwerk aus Gleichgesinnten aufgebaut, mit der gemeinsamen Mission, Lebensmittelverschwendung zu stoppen. Ab und an bekommen wir sogar einige Produkte aus England – das finde ich persönlich immer ganz besonders spannend.

Aber nicht alle Lebensmittel, die im “Fairly Fair“ landen, wurden wegen Schönheitsfehlern aussortiert. Oft, und das ist das traurige, sind es logistische Fehlplanungen der Unternehmen, die dazu führen, dass irgendwo zu viele Lebensmittel vorhanden sind, die keine:n Abnehmer:in finden. Waren, die kurz vor dem Mindesthaltbarkeitsdatum stehen, trudeln dann mitunter palettenweise bei uns ein. Es kommt regelmäßig vor, dass ich einen Anruf bekomme, weil irgendwo kilo- oder tonnenweise Lebensmittel übrig sind. Dann muss ich sofort den Transport und die Verteilung der Produkte organisieren. Da ist viel Spontanität gefragt und wenn es um so große Mengen an Lebensmitteln geht, spielt es auch keine Rolle mehr, daran Geld zu verdienen. Es liegt uns einzig und allein daran, dass nichts verdirbt und alles rechtzeitig zu den Verbraucher:innen kommt. 

Was ist das Besondere an den Produkten im “Fairly Fair“?

Fairly Fair Erfurt - gerettete Lebensmittel

Erst einmal: Das Sortiment. Das ist nämlich jedes Mal anders und total saisonabhängig. Wer im “Fairly Fair“ einkauft, weiß vorher nicht, was ihn:sie erwartet und genau das ist das Reizvolle daran. Auf diese Weise bekommt man endlich wieder ein Gefühl dafür, wann was wächst und angebaut wird und lernt, dass eben nicht alles zu jeder Zeit verfügbar ist. 

Was auch noch wichtig ist zu sagen: Obst, Gemüse, Backwaren – alles was an Lebensmitteln im “Fairly Fair“ landet – stammt fast ausschließlich aus der Region. Außerdem ist der Großteil des Sortiments Bio und auch in Sachen Verpackung achten wir darauf, Müll zu vermeiden. So verkaufen wir beispielsweise unsere selbstgemachten Obstchips (Anmerkung der Autorin: super lecker!) in wiederverwendbaren Pfandbechern der Marke Fair Cup. Diese können nach Gebrauch ganz einfach hier im Laden abgegeben werden – und hoffentlich ganz bald auch am Pfandautomaten im Supermarkt. 

Was ist momentan dein All-Time-Favorit aus eurem Sortiment?

Das ist gerade das Ginger Beer. Das finde ich persönlich auch super lecker und kann es nur empfehlen. Im Auto habe ich ansonsten immer “nutbutter filled“-Riegel dabei – für zwischendurch, wenn der kleine Hunger kommt. Das sind auch alles Produkte, die man noch gut nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums essen kann. :)

Was sollte man bei einem Einkauf im “Fairly Fair“ beachten?

Wir arbeiten im Laden immer noch nach dem “Bezahl, was es dir wert ist“-Konzept. Viele sind da anfangs etwas ratlos oder überfragt, aber man hat ganz schnell den Dreh raus. Manche Menschen geben sogar viel mehr Geld, als sie im Supermarkt für das Produkt ausgegeben hätten. Das kann und möchte natürlich nicht jede:r. Und das erwarten wir auch gar nicht. Damit sich der Laden allerdings halten kann und wir weiterhin die Miete bezahlen können, mussten wir zumindest Mindestpreise einführen. Was viele nicht wissen: Durch den Verkauf im Laden unterstützen wir auch verschiedene andere Projekte und Vereine, wie den Knackpunkt und den Verein Ukrainischer Landsleute. Dafür brauchen wir finanzielle Mittel.

Was uns auch auffällt: Häufig trauen sich die Besucher:innen unseres Ladens nicht, so richtig zuzuschlagen, weil sie das Gefühl haben, dass sie anderen etwas wegnehmen könnten. Aber so ist es nicht. Die Vereine, mit denen wir zusammenarbeiten, werden immer zuerst beliefert. So stellen wir sicher, dass diejenigen, die bedürftig und darauf angewiesen sind, stets versorgt werden. Alles, was im Laden landet, ist tatsächlich übrig und kann großzügig mitgenommen werden. 

Wie trägt sich das “Fairly Fair“?

Fairly Fair Erfurt - Vorgarten

Ganz ehrlich: Am Ende ist es eine Plus-Minus-Null-Rechnung. Es läuft hier alles übers Ehrenamt, weil es finanziell gar nicht anders möglich ist. Die Vorgartengestaltung konnten wir nur mithilfe von EU-Fördermitteln umsetzen, aber oft fehlt selbst die Zeit, um Förderanträge zu stellen. Klar wäre es schöner, ein bisschen mehr finanziellen Spielraum zu haben, um zum Beispiel einen neuen Kühlschrank für den Laden zu kaufen oder den Bereich vor der Eingangstür ein bisschen einladender zu gestalten. Häufig bleibt uns das aber verwehrt. Tatsächlich hat es ein gutes halbes Jahr gedauert, bis wir uns das Schild über der Tür leisten konnten, obwohl es nur 70€ gekostet hat. Also falls jemand Geld spenden möchte, wir würden uns enorm freuen! Verwendungszwecke und Baustellen gibt es viele.

Bis vor kurzem gab es noch einen zweiten Laden in der Fritz-Büchner-Straße. Warum wurde der Laden geschlossen?

Den Laden mussten wir hauptsächlich aus Personalmangel schließen. Das ist traurig, aber es fehlt uns wirklich an Ehrenamtlichen. Wir hatten keine Kapazitäten für zwei Läden und haben uns dann dafür entschieden, nur den Laden am Leipziger Platz zu halten, weil er mehr Vorteile hat: Er ist größer und hat eine bessere Lage.

Bis zum Jahresende ist der Laden in der Fritz-Büchner-Straße aber noch in unseren Händen, sodass wir ihn als zusätzliche Lagerfläche nutzen können. Damit haben wir insgesamt vier Lager und die brauchen wir auch alle.

In Anbetracht der aktuellen Lage: Ihr habt mehrere Lieferungen in die Ukraine unternommen. Wie laufen solche Hilfsaktionen ab?

Das funktioniert leider nicht ganz so einfach: Wir haben in unserem Lager in Erfurt zwar palettenweise Kleidung und Gebrauchswaren eingelagert, müssen diese dann bei Bedarf aber händisch in Transporter einladen und auf den Weg in die Ukraine schicken. Dabei arbeiten wir mit anderen Vereinen zusammen, aber ich bin immer selbst vor Ort im Lager, um die Fahrten zu organisieren und zu koordinieren, was verladen werden soll und was nicht. Es ist ein großer Aufwand, aber er lohnt sich, denn die Menschen vor Ort sind unfassbar dankbar!

Für Geflüchtete, die mit ihrem ukrainischen Pass in den Laden kommen, haben wir immer noch das Angebot, dass sie sich kostenlos mit Kleidung eindecken und das zusammensuchen können, was sie gerade brauchen.

Was wünschst du dir fürs “Fairly Fair“?

Wir würden gerne die Grünfläche vor dem Laden für Konzerte und Jam-Sessions nutzen, damit Leute vorbeikommen und sehen, wie schön es hier ist.

Ansonsten würden wir uns riesig freuen, wenn jemand Lust hat, im Laden auszuhelfen. Erst vor kurzem haben wir schweren Herzens wieder Ehrenamtliche verabschiedet. Wir würden außerdem gerne unsere Öffnungszeiten verlängern und suchen deshalb motivierte Gesichter, die Lust haben mit anzupacken. Ihr könnt euch dazu einfach im Laden melden und das coole ist, dass ihr hier verschiedene Arbeitsbereiche ausprobieren und euch richtig ausleben könnt. Neben abwechslungsreichen Aufgaben erwartet euch auf jeden Fall ein super cooles Team und ewiger Dank!

Momentan könnt ihr Montag bis Freitag von 16 bis 18 Uhr und samstags von 14 bis 16 Uhr im “Fairly Fair“ am Leipziger Platz 16 vorbeischauen und Lebensmittel, Kleidung oder Bücher retten.

Anmerkung: Da die Zeiten stark variieren können, gibt es von uns leider kein Gewähr auf eine ständige Aktualisierung. Informiert euch am besten über: www.fairly-fair.de

Je nach Möglichkeit ist der Laden auch länger geöffnet, sodass ihr euch auch abends noch mit Snacks und kühlen Getränken versorgen könnt. Im “Fairly Fair“ einzukaufen, bedeutet nicht nur Lebensmittel zu retten und Müll zu vermeiden, sondern auch der Umwelt etwas Gutes zu tun. Mit eurem Einkauf im “Fairly Fair“ unterstützt ihr ein Konzept, das Erfurts Nachhaltigkeit fördert und zeigt, wie viel gegen Verschwendung und unnötigen Müll unternommen werden kann. Christoph und das “Fairly Fair“ leisten damit einen unverzichtbaren Beitrag für die Stadt Erfurt.

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