Glücklichessen im Bistro-Café Peckham’s

Foto zeigt Frau mit Essen in der Hand

Not macht erfinderisch.Dass weiß nach 8 Wochen Shutdown auch Karina Both-Peckam, Küchenchefin und Besitzerin des Erfurter Bistro-Cafés Peckham’s. Fast vier Jahre, drei Kochbücher und den Ausbruch der ersten weltweiten Pandemie später, treffen wir uns auf einen Kaffee und lassen das Wechselbad der Gefühle, das die Gastronomin in den letzten Wochen begleitet hat, gemeinsam Revue passieren.

Foto: Luise Senneke

Normalerweise ist Karina „Glücklich-Esserin“. Ihr Alltag dreht sich um Flexi-Rezepte, die sich den jeweiligen Ernährungsformen anpassen und um Beilagenalternativen. In ihrem Café-Bistro, das sie und ihr Mann nach Studium und Karriere als Aussteiger vor 12 Jahren eröffnet haben, kocht sie täglich individuelles Mittagessen für ihre Gäste (vegan, vegetarisch, paleo, fleischig oder glutenfrei). Sie entwickelt Rezepte, schreibt Kochbücher, widmet sich der Foodfotografie und teilt ihren Teller täglich im Internet. Normalerweise. Wenn aber ein Virus droht, dir die Existenz unter den Füßen wegzuziehen, ja, dann kreisen die Gedanken nicht mehr um Schwarzwurzelrezepte.

Glück to-go

Foto: Karina Both-Peckham

Über Nacht also verwandelt sich das Bistro mit Wohnzimmeratmosphäre in einen Mittagessen-Supermarkt mit provisorischem Straßenverkauf. Den stadtbekannten Shepherd’s Pie gibts stilecht nur noch in der To-Go-Box. Glück zum Mitnehmen also. Geschmacklich nach wie vor Bombe. „Eigentlich haben wir auf eine neue Kaffeemaschine hingespart“, erzählt Karina, „diese sollte unser jetziges Exemplar von 1982 ablösen“. Die Rarität bleibt (zur Freude aller Kaffeeliebhaber:innen), stattdessen floss das Geld bereits restlos in die Instandhaltung des Lokals. Von der allseits gepredigten Entschleunigung spürt die Gastronomin in dieser Zeit wenig: Die Ungewissheit, die Betreuung der Kinder und die Bemühungen, dass eigene Herzensprojekt aka Existenz am Leben zu erhalten gleichen vielmehr einem Wirbelsturm. Was Karina aber auch erfährt, ist Unterstützung aus den eigenen Reihen – egal ob von Erfurter Gastronom:innen, lieben Gästen, Internetfreund:innen oder Gleichgesinnten. Auch in Krisenzeiten ist verdammt viel Platz für Wärme und Menschlichkeit.

Foto: Karina Both- Peckham

Das Corona Diary

Doch jeder muss mal Dampf ablassen. Egal, ob sich gerade ein Kind zum Mittagsschlaf in deinen Schoß gekuschelt hat oder nicht. Karinas Ventil ist ihr Blog-Tagebuch. Acht Wochen lang schreibt sich die Gastronomin (mit schlafender Tochter links und Tastatur rechts) jeden Tag die Ängste und Sorgen von der Seele und teilt ganz persönliche Eindrücke mit dem Internet. Gerade in einer Zeit, in der zwischenmenschlicher Kontakt rar gesät zu sein scheint, stößt sie dabei auf virtuelle Wärme und Rückendeckung. Endergebnis dieses intensiven Gedankenaustauschs ist ihr Corona Diary: Ein (E-) Buch, das seine Leser:innen jedes Hoch und Tief der vergangen Monate nachspüren lässt und dabei Hoffnung schenkt. Wie eine Zeitkapsel schließt das Corona Diary die Eindrücke und Erkenntnisse einer unglaublich intensiven Zeit ein und öffnet seinen Buchdeckel (nicht nur) für nachfolgende Generationen.

Foto: Luise Senneke

Und jetzt?

Corona ist noch da, das Leben geht aber weiter. Mit der Wiederaufnahme des In-Haus-Verkaufs wichen die To-go Boxen den Porzellantellern. Karina spricht von einer Art „neuer Normalität“: Verbote wurden aufgehoben, neue Regelungen aufgestellt und alte Gewohnheiten aus dem Leben vor dem großen C finden ihren Weg in unseren Alltag zurück. „Das ist für alle noch etwas ungewohnt“, erzählt die Küchenchefin, während ich den Schaum von meinem Cappuccino schlürfe und zustimmend nicke. Auch ich bin in diesen Zeiten mit Betreten eines Lokals nach wie vor aufgeregt und versuche mich – den beschlagenen Brillengläsern trotzend – zum nächstgelegenen freien Tisch durchzuschlagen. Die benebelten ersten Schritte hinein ins Kaffeeglück sind mir jedoch tausendmal lieber, als mich weiterhin in Selbstisolation zu üben. Dieses Mal ist es Karina, die nickt und sich an den tapsigen Schritten ihrer Gäste erfreut, die auf eigenwillige Art und Weise den Existenzängsten der letzten Monate den Kampf ansagen. Fast zaghaft erwachen die Erfurter:innen zwar aus ihrem Dornröschenschlaf, die furchtbar bequemen Sessel, Sofas und Stühle im Peckham’s füllen sich aber allmählich (zumindest jeder zweite) und auch der Freisitz in der Pergamentengasse ist längst nicht mehr menschenleer. Wer im Peckham’s seine nächste (übernächste und überübernächste…) Mittagspause verbringen möchte, sollte sich vorab unbedingt anmelden. First come, first serve! Die neue Normalität, die sich da so langsam einpegelt ist dabei jedoch längst nicht das Ende der Geschichte. Unlautere Wettbewerbsbedingungen, Kurzarbeit und finanzielle Einbußen prägen trotz Hilfsmaßnahmen, Mehrwertsteuersenkung und Rücklagen den neuen Alltag der Gastronomin.

Das Tagebuch, an dem Karina seit März geschrieben hat, liegt mittlerweile in der Schublade. Hoffen wir mal, dass es dort bleiben kann. Ein gedrucktes Exemplar ihrer Gedanken und Gefühle aus der verrückten Zwischenwelt könnt ihr entweder online oder im Peckham’s in Erfurt ergattern. Lässt sich übrigens super mit einem Mittagessen dort verbinden! Die aktuellen Wochenkarten findet ihr hier.

Foto: Luise Senneke

PS: Karina und ihr Mann vermieten übrigens auch zwei liebevoll eingerichtete Gästezimmer im englischen Stil. In bester Lage über dem Peckham‘s Café! #keeperfurtalive #supportyourlocals

Peckham’s

Website: http://www.peckhams.de/

Öffnungszeiten: Mo-Fr 11-15 Uhr (nur auf Bestellung)

Telefon: 0361/34199691

E-Mail: info@peckhams.de

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Luise

Luise ist frischgebackene Wahlerfurterin. Als gebürtiges Küstenkind war Erfurt für sie ein Sprung ins kalte Wasser. Bis der gelbe Regenmantel hier aber mindestens genauso gut aufgehoben war, wie sie selbst, hat es nicht mal vier Monate gedauert. Nun mag sie eigentlich gar nicht wieder gehen. Ihre Gründe dafür teilt Luise mit euch auf ‚Feels like Erfurt‘.

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