Guerilla-Stricken in Erfurt

Wenn einem die Oma früher zu Weihnachten einen selbstgestrickten Pullover geschenkt hat, hielt sich die Freude meist in Grenzen. Zu kratzig, zu ausgebeult, zu unmodern, zu schrill – kurz: Der Slogan „Schick in Strick“ klang damals in etwa genauso surreal wie die Vorstellung, einen Menschen zum Mars zu schicken. Doch zum Glück ändert sich mit der Zeit vieles und so kommt es, dass Strick gerade ein riesiges Revival feiert. Nicht nur Modedesigner haben die Maschen für sich entdeckt. Auch im Bereich der urbanen Streetart ist das Stricken längst angekommen.

Kunterbunte Kunstwerke

Erfurt ist immer wieder für eine Überraschung gut. Wandelt man durch die Innenstadt und wagt sich über die Grenzen des Domplatzes in Richtung Brühler Vorstadt hinaus, findet man sich nach wenigen Metern inmitten eines Strick-Treffs der besonderen Art wieder. Hier, in der Domstraße und in der abgehenden Stiftsgasse, sind mehrere Laternen und Fallrohre zu finden, die von Künstlern und Handarbeitsfreunden liebevoll umstrickt wurden. Immer wieder kommen – scheinbar über Nacht und wie durch Geisterhand – neue Strick-Kunstwerke hinzu. Andere verschwinden im Laufe der Zeit wieder – wohl, weil die verwendeten Materialien dem Wetter nicht dauerhaft standhalten und im Laufe der Zeit etwas mitgenommen aussehen. Wer hinter den Arbeiten steckt, ist nicht bekannt.

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Fakt ist jedoch, dass sich das bunte Stricken in der Stadt ausbreitet. Wer mit offenen Augen durch Erfurt läuft, kann die umstrickten Rohre, Laternen und Poller an vielen Orten finden. So zum Beispiel auch in der Meister-Eckehard-Straße, wo die fleißigen „Stricklieseln“ mehrere Straßenpoller verschönert haben. Ein besonders schönes Fotomotiv kann im Andreasviertel – genauer gesagt in der Webergasse – entdeckt werden. Hier haben die Künstler nicht nur ein Fallrohr umstrickt, sondern ihr Werk auch noch mit einem „I ♥ Erfurt“-Schriftzug verschönert.
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Was soll das Ganze?

Die Streetart-Form Guerilla-Knitting (zu Deutsch: Kleinkrieg-Stricken), auch Urban Knitting oder gestricktes Graffito genannt, tritt seit 2010 in Deutschland auf und verbreitet sich rasant. Ihren Ursprung hat die Kunst –wie sollte es auch anders sein – in den USA. Die oftmals aufwändigen Strickarbeiten haben häufig eine politische Botschaft, werden mittlerweile aber mindestens genauso häufig eingesetzt, um tristen Gegenständen – zum Beispiel Denkmälern, Fahrrädern, Parkuhren, Zäunen, Straßenschildern oder auch ganzen Autos –Leben einzuhauchen und den Alltag bunter zu machen. Auch Bäume werden sehr gern umstrickt.

Da die Strickereien jederzeit und mit wenig Aufwand entfernt werden können, genießen sie bei Stadtverwaltungen und Co. einen weitaus besseren Ruf als Graffiti. Das Anbringen von Urban Knittings stellt keine Straftat dar, da keine „fremde Sache beschädigt oder zerstört“ wird. Nicht selten ist es Künstlern sogar ausdrücklich gestattet, gewisse Schandflecke im Stadtbild mit buntem Garn aufzuhübschen.

Urban knitting erfurt

Dennoch agieren viele von ihnen anonym und bringen die gestrickten Werke maskiert und im Schutz der Dunkelheit an. Wer sich als Urheber outet, tut dies oftmals nur unter einem Pseudonym beziehungsweise Künstlernamen – so, wie es auch in der Graffitiszene üblich ist. Auch wenn sich Graffitikunst und Guerilla-Knitting sehr nahestehen, werden doch auch immer Differenzierungen vorgenommen. So gilt das Stricken als „weiche“, (legale) Sonderform des Graffitos und wird häufig als Frauen-Domäne tituliert. Ob ausschließlich weibliche Künstlerinnen in Erfurt aktiv sind oder auch Männer die Nähnadeln schwingen, weiß ich leider nicht. Vielleicht kann du mir ja weiterhelfen ;) Ich freue mich über jeden Hinweis.guerilla-knitting-erfurt


 

Liebste Grüße,

Jessi

Fotos: © Jessika Fichtel | Feels like Erfurt

 

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Jessi

Jessi ist die Gründerin von Feels like Erfurt, die im März 2015 die Idee für den Städteblog hatte und ihn kurzerhand ins Leben rief. Auch wenn sie inzwischen nicht mehr in Erfurt lebt, besucht sie die Landeshauptstadt regelmäßig und verliebt sich jedes Mal aufs Neue.

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Dieser Beitrag hat 6 Kommentare

  1. Schmidt

    Liebe Jessi, Du solltest Deine Foto-Galerie mal wieder aktualisieren. Unsere Strickfee aus der Stiftsgasse hat viele neue Sachen kreiert, manche Sachen waren durch Wind und Wetter nicht mehr schön, andere wurden leider auch durch Vandalen zerstört. Aber unverdrossen wird weiter gestrickt und gehäkelt, sehr zur Freude der Anwohner und der Touristen, die stets ihre Handys zücken.
    LGs

  2. Jessi

    Hallo lieber Manfred,
    vielen lieben Dank für deinen Kommentar. Ich weiß, dass sich immer was ändert. Laufe beinahe täglich daran vorbei. Habe auch letztens erst wieder Bilder gemacht. Aber leider lässt es die Zeit nicht zu, dass ich jeden Blogbeitrag kontinuierlich aktualisiere.
    Was mich jetzt natürlich brennend interessiert: Weißt du denn, wer hinter den farbenfrohen Kunstwerken steckt? :)

    Liebe Grüße,
    Jessi

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