In der Stadt auf dem Land: SoLaWi Erfurt

Inhaltsübersicht

Vom dichten Verkehr und dem Lärm der Stadt ist in Erfurt Büßleben kaum mehr etwas zu spüren. Friedlich ziehen die Kühe ihrer Wege. Erste Bienen tummeln sich auf dem frühen Blühern des Jahres. Radieschen, Spinat, Salatpflanzen und Lauchwiebeln gedeihen in langen Reihen auf Beeten und in Gewächshäusern. Und auch die ersten Puffbohnen kämpfen ihre Köpfe durch die noch winterkalte Erde. Mittendrin: Die Gärtnerinnen Jule und Janin sowie Vereinsvorstandsmitglied Micha von der Solidarischen Landwirtschaft Erfurt, kurz: SoLaWi Erfurt.

SoLaWi-Gewächshäuser
Gemeinsam haben die Vereinsmitglieder auch zwei Gewächshäuser auf ihrem Acker in Büßleben errichtet.

Erste Solidarische Landwirtschaft in Erfurt

„Wir starten dieses Jahr in unsere dritte Saison“, erzählt mir Vereinsvorstand Micha stolz, während wir gemeinsam den Gemüseacker des Vereins in Erfurt Büßleben betreten. Getrieben von der Sehnsucht nach mehr Grün, nach gesunden Lebensmitteln und einem kollektiven Miteinander, wurde 2019 das Projekt SoLaWi Erfurt ins Leben gerufen. Die Idee: Während die landwirtschaftliche Anbaufläche in Büßleben Vereinsmitglieder mit frischem Gemüse direkt vom Feld versorgt (Mai-November), verpflichten sich die Mitglieder zur Zahlung eines monatlichen Erntebeitrages. Die Monatsbeiträge decken die anfallenden Kosten für den Gemüseanbau. Vom Saatgut bis zu den Löhnen für die Gärtnerinnen schließt das vielerlei ein. Klassische Win-Win-Situation also. Für die Beitragshöhe gilt außerdem: Jede:r zahlt nur so viel, wie für sie:ihn möglich ist, aber alle erhalten den gleichen Ernteanteil. Die Gärtner:innen machen transparent, wie viel Geld sie für den Gemüseanbau im Jahr benötigen  – hieraus ergibt sich dann ein monatlicher Richtwert (aktuell: 103 Euro). Die tatsächlich gezahlten Beiträge können in ihrer Höhe aber individuell variieren und unterschiedlich ausfallen, so viel wie jede:r Ernteteiler:in zahlen kann.

Macht man es wie Micha und teilt sich seinen Ernteanteil zudem noch mit Freund:innen, können nicht nur mehr Menschen von dem frischen Gemüse profitieren; plötzlich ist die Mitgliedschaft auch für Studierende, WGs und Personen mit schmalerem Geldbeutel eine machbare und nachhaltige Option. Und das Beste daran: „Wir wissen, wo unsere Lebensmittel herkommen, wachsen und werden immer satt“, grinst Micha.

Die SoLaWi Erfurt als Ort des sozialen Miteinanders

Neben drei festangestellten Gärtnerinnen, die für den Gemüseanbau zuständig sind, zählt der Verein rund 120 Mitglieder. Micha selbst ist vom ersten Spatenstich an mit dabei. Erst als einfaches Mitglied, seit Ende 2020 nun als eines von 5 Vorstandmitgliedern. Ohne es zu ahnen, entwickelte sich das nachhaltige Landwirtschaftsprojekt zur Herzensangelegenheit des gelernten Technikers. In der Vereinsarbeit oder bei Mitmachaktionen auf dem Acker findet er einen Ausgleich zum Berufsalltag. Das ist bei der SoLaWi Erfurt übrigens jederzeit erwünscht und gern gesehen. Wen Lust und Laune packen, der:die kann immer auf den Acker kommen, etwas draußen sein, mitgärtnern und die Hände in der Erde spüren und die Natur erleben. Spätestens zu Hau-Ruck-Aktionen wie der Kürbisernte, dem Gewächshausbau, der Tomatenabernte oder der Installation des Bewässerungssystems wird die Hilfe der Vereinsmitglieder sogar dringend benötigt.

Zudem wird immer wieder zu gemeinschaftlichen Bildungsveranstaltungen, Ausflügen und Mit-Mach-Tagen wie z. B. Fahrradtouren wie der Tour de Bio (Fahrradtour zu den Biobetrieben in Thüringen), Kräuterwanderungen und Gartenfesten aufgerufen, die das Gemeinschaftsgefühl stärken und für schöne Stunden sorgen. Regelmäßig werden die Mitglieder auch über die liebevoll gestaltete interne „Ackerpost“ mit den neusten News rund um den Acker, die Ernte und den Verein informiert.

In a Nutshell: Die SoLaWi Erfurt lebt vom sozialen Miteinander und von der Arbeit vieler fleißiger ehrenamtlicher Helfer:innen welche in verschiedenen Arbeitsgruppen (z.B. Transport, Depot, Finanzen, Kommunikation) und dem Kernteam aktiv für die SolaWi mitgestalten. Ehrenamtliches Engagement und Spaß an der Sache sind enorm wichtig und notwendig für den Verein. Das fängt schon beim gemeinsamen Kaffee- und Teetrinken auf dem gemütlichen SoLaWi-Sofa in Büßleben an!

SoLaWi Mitglieder
Die Gärtnerinnen Jule, Janin und Vereinsvorstand Micha (v.l.n.r.) nach getaner Arbeit auf dem SoLaWi-Sofa.

Regional, saisonal, vielfältig: SoLaWi-Gemüse in Bio-Qualität

Die Solidarische Landwirtschaft produziert wöchentlich Gemüsekisten für inzwischen 62 Ernteteiler:innen*. Dabei umfasst die Ackerfläche etwa einen halben Hektar Land. „Wir bauen unser Gemüse nach den Grundsätzen des ökologischen Landbaus an. Das heißt, wir verwenden ausschließlich Ökosaatgut, bearbeiten den Boden so wenig wie möglich mit Maschinen und achten auf die Einhaltung natürlicher Fruchtfolgen“, lasse ich mir von den Gärtnerinnen Janin und Jule erklären, während leichte Regentropfen auf die Plane des Gewächshauses prasseln, in dem wir es uns gemütlich gemacht haben.  In den Erntemonaten (Mai-November) haben die Vereinsmitglieder die Möglichkeit, ihre Ernteanteile entweder direkt in Büßleben im Nußbaumhof abzuholen oder aber das frische Gemüse im Clärchen, dem BioKaufladen von Tim Borgmann in der Erfurter Altstadt und seit diesem Jahr auch in der Lagune in Erfurt in Empfang zu nehmen. Meist ist die Ausbeute groß und die Gemüsetaschen der Ernteteiler:innen sind prall gefüllt. In mageren Zeiten, wenn die Witterung nicht mitspielt, müssen aber auch Abstriche in Menge und Qualität in Kauf genommen werden. „Angestrebt wird dabei stets die Vollversorgung“, erzählt Jule „das heißt, dass unsere Ernteteiler:innen die ganze Woche über mit unserem Gemüse aus Büßleben auskommen, ohne dass sie darauf angewiesen sind, etwas dazu zu kaufen“ – das hängt natürlich auch stark vom individuellen Bedarf ab, ob der Plan aufgeht.  Welche Gemüsesorten einmal die Woche in den Beuteln der Ernteteiler:innen landen, bleibt bis zum Schluss spannend und ist jede Woche auf’s Neue immer wieder eine Überraschung.

Übrigens: Getreu dem Motto „Strampeln für den guten Zweck“ wird beim Gemüsetransport vom Acker zum Clärchen weitestgehend auf Autofahren verzichtet und Klimaneutralität großgeschrieben. So springen die Vereinsmitglieder der SoLaWi Erfurt wöchentlich aufs Lastenrad und bringen die Ernte mit Wo:manpower und Muskeleinsatz zu den Verbraucher:innen. Für all diejenigen, die sich bisher gefragt haben, wie man am besten nach Büßleben kommt, hier also die Antwort: Mit dem Fahrrad sind es rund 40 Minuten, die ihr einplanen solltet. Auto und Öffis bringen euch aber auch ans Ziel. Zu welchem Fortbewegungsmittel ihr letztendlich greift, muss jede:r selbst entscheiden.

Was die Zukunft (hoffentlich) bringt

Fragt man Vereinsvorstand Micha nach seinen Zielen für die Zukunft, bleibt er bescheiden: „ökologische landwirtschaftliche Produktion weiter modernisieren, die SoLaWi Erfurt und die Mitarbeiter:innenstellen erhalten und ausbauen und immer bessere Arbeitsbedingungen schaffen.“ Nach einer kurzen Pause ergänzt er mit einem breiten Grinsen: „Und gute Ernten natürlich“. Dass auch in Sachen Agrarpolitik einiges passieren muss und Gesetzesregelungen kleine Betriebe und Vereine in Zukunft mehr unterstützen müssen, liegt für ihn auf der Hand. Doch ist die SoLaWi Erfurt mit ihrem innovativen Konzept nicht allein: In Deutschland gibt es mittlerweile über 300 gemeinschaftlich getragene Landwirtschaften; Tendenz steigend. Das ist Grund genug für große Träume: „Ein Ding wäre, wenn die Stadt Erfurt in zehn Jahren von vielen kleinen SoLaWis umgeben ist, die die Bewohner:innen mit Lebensmitteln aus nachhaltigem Anbau und in Bio-Qualität versorgen“, lässt mich Gärtnerin Janin an ihrer Zukunftsvision teilhaben.

Um die Vorzüge des alternativen Landwirtschaftsmodells und das Bewusstsein für Nachhaltigkeit auch an Nicht-Vereinsmitglieder heranzutragen, bietet die SoLaWi Erfurt regelmäßig verschiedene Bildungsveranstaltungen und Umweltbildungsprojekte an; engagiert sich zum Beispiel für das bildungs-politische Filmfestival „Globale Erfurt“. Also noch ein Punkt auf der Vereins-To-Do: „Nach Corona soll auch der Bildungsaspekt erneut verstärkt aufgelebt werden, damit wir grünes Wissen und Handwerk unter die Leute bringen“. Ich freue mich auf alle Fälle drauf! Nach einer wärmenden Tasse Tee geht es für mich dann auch schon zurück nach Hause. Inspiriert, mit frischem Postelein und einem Gänseblümchen im Gepäck trete ich den Heimweg an. Ach, was war das schön! Bis zum nächsten Mal.

Politisches Statement: Klima retten!
Klares Statement auf dem SoLaWi-Acker in Büßleben.

PS: Wer es in absehbarer Zeit nicht schaffen sollte, mal in Büßleben auf dem Acker der SoLaWi vorbeizuschauen, bekommt auch in der Kunsthalle am Fischmarkt schon bald einen besonderen Einblick in die grüne Oase des Vereins. Die Fotografin Yvonne Most hat Garten und Gärtnerinnen mit ihrer Kamera gekonnt in Szene gesetzt. Vom 20.06.2021 bis 03.10.2021 können ihre Fotografien in der Ausstellung „Blühstreifen – zwischen Traum und Zaun“ bestaunt werden – vorausgesetzt natürlich, dass die Museen bis dahin wieder geöffnet haben.

*Nicht alle Vereinsmitglieder beziehen automatisch auch einen Ernteanteil. Wer an den Ernteerträgen beteiligt sein möchte, muss neben dem Mitgliedsbeitrag von mindestens 12 Euro im Jahr monatlich noch einmal etwas drauflegen.

[shariff]

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