Sebastian Hilgenfeld: „Der Drang, wieder was Eigenes zu machen, war einfach zu groß“

Sebastian Hilgenfeld: „Der Drang, wieder was Eigenes zu machen, war einfach zu groß“

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Der 47-jährige Sebastian Hilgenfeld gilt als Erfurter Gastronomie-Ikone. Etlichen Cafés der Stadt hat er bereits bei der Geburt geholfen, aktuell findet man ihn vor allem im Kurhaus Simone am Wenigemarkt. Ich habe mich mit dem Kaffeeliebhaber zum Gespräch getroffen, über gute Cafés in Erfurt und über seinem beruflichen Werdegang ausgequetscht. Denn wer sich mit Sebastian Hilgenfeld befasst, stellt schnell fest, dass dessen Leben nicht nur von Erfolgen, sondern auch einigen unternehmerischen Rückschlägen geprägt ist.


Hallo lieber Sebastian, schön, dass du dir Zeit für das Interview nimmst. Ich konnte schon über dich herausfinden, dass du gebürtiger Erfurter bist. Heißt das, du hast dein Leben lang hier in Erfurt gelebt?

Ich war fast immer in Erfurt. Nur von 1995 bis 2000 habe ich in Bremen und in Weimar gelebt.

Wie bist du zur Gastronomie gekommen?

Die Gastronomie ist zu mir gekommen! Ich habe im September 2000 das „Kaffee Hilgenfeld“ eröffnet. Ich hatte die Idee, Kaffeemaschinen, Kaffee und Zubehör zu verkaufen. Dann habe ich aber wirklich schnell die Erfahrung gemacht, dass die Leute den Kaffee gern kosten möchten, bevor sie ihn kaufen – und überhaupt gern Kaffee trinken.

Innerhalb kurzer Zeit habe ich dann nach und nach das Konzept umstrukturiert, sodass ich nach anderthalben Jahren gar kein Zubehör mehr verkauft habe, sondern nur noch Kaffee verkauft und Gastronomie gemacht habe.

War das damals schon dort wo jetzt das Café Hilgenfeld ist?

Ja. Das sah am Anfang noch ganz anders dort aus. Mit Regalen links und rechts an den Wänden und nur einem Tisch. An den Außenbereich war noch gar nicht zu denken.

Ich habe gelesen, dass du die Kaffeehauskultur nach Erfurt gebracht haben sollst. Wie denkst du dazu?

„Nach Erfurt gebracht“ will ich nicht sagen. Aber ich denke schon, dass ich einen wesentlichen Teil dazu beitragen habe, indem ich diese Kultur wieder in Erfurt etabliert habe. Außerdem habe ich viele Leute dabei unterstützt, etwas in diese Richtung auf die Beine zu stellen. Beispiele dafür sind das Café Togo, das Café Wildfang oder das Café Süden.

Gibt es aktuell genügend Cafés in Erfurt?

(denkt lange nach) Genug Cafés gibt es wahrscheinlich nie. Aber es gibt viele Orte in Erfurt, an denen man richtig gut Kaffee trinken kann.

Wo kann man denn in Erfurt gut(en) Kaffee trinken?

Ich erhebe da jetzt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, aber meiner Meinung nach kann man zum Beispiel im Café Hilgenfeld, im Klara Grün, bei Epitome und im Füchsen richtig gut Kaffee trinken.

Sebastian Hilgenfeld (Mitte) mit dem Servicepersonal vom Kurhaus Simone
Sebastian Hilgenfeld (Mitte) mit dem Serviceteam vom Kurhaus Simone

Was macht denn ein gutes Café aus?

Der Gast muss sich wohlfühlen und Räumlichkeiten vorfinden, in denen er sich gern aufhält. Außerdem muss natürlich der Kaffee gut schmecken. Und als drittes würde ich sagen, dass der, der hinterm Tresen steht und den Kaffee zubereitet, den Gast gern bewirten muss.

Wenn man zu deiner Person recherchiert, stößt man auf eine Reihe von Zeitungsartikeln, aus denen hervorgeht, dass du schon einige unternehmerische Rückschläge einstecken musstest. Wie schaffst du es, immer weiterzumachen?

Das war schwierig für mich.

Es gibt Sachen, die ich nicht besonders gut kann und nicht besonders mag. Ich beschäftige mich ungern mit Buchhaltung und Abrechnung. Ich bin der, der lieber gern im Laden steht und die Gäste bewirtet. Ich habe in meinem Leben schon vieles eröffnet – Café Hilgenfeld, Campus Hilgenfeld, eine eigene Rösterei, die Bar im Waidspeicher, ein Café im Hugendubel.

Das fasziniert mich immer wieder und macht mir sehr viel Freude. Ich war 12 Jahre lang selbstständig und da kommt man nicht wieder raus. Lange Zeit war ich angestellt im Café Hilgenfeld – was auch gut war! – aber der Drang, wieder was Eigenes zu machen, war einfach zu groß.

Durch Zufall kamen dann Anfang letzten Jahres Leute auf mich zu und haben gefragt, ob wir zusammen das Kurhaus Simone eröffnen wollen. Es ist schön, das hier zu dritt und nicht allein zu machen. Jeder hat seinen Aufgabenbereich. Damit leben wir alle sehr gut.

Ein eigenes Café eröffnen ist ja für viele ein großer Traum – gerade für junge Leute. Was für einen Tipp kannst du diesen Träumern mit auf den Weg geben?

Nicht nur junge Leute! Im Grunde genommen träumen alle davon.

Auf jeden Fall sollte jeder davon ausgehen, dass man mit einem kleinen Café ganz sicher nicht reich wird – das ist schon mal so eine Art Grundvoraussetzung. Mein Ratschlag für die Anfangszeit ist: Ganz viel Geld und Geduld haben. Und man braucht jemanden, der einem zur Seite steht und sagt: Das wird! Alles nicht so schlimm! Die Kunden kommen schon!

Ganz allgemein muss ein angehender Gastronom Freude am Gast haben und mit Neugier und Offenheit auf ihn zugehen können – denn das ist die Voraussetzung dafür, dass die Gäste auch wiederkommen.

Was ist dein Beitrag für Erfurt?

(denkt lang nach) Schöne Frage! Ich denke schon, dass ich mit meiner Art und mit meinen Geschäften dafür sorge, dass den Erfurtern und den Gästen von Erfurt die Stadt angenehmer und lebenswerter gemacht wird. Mein Team und ich haben Räume geschaffen, in denen sich die Leute wohlfühlen.

Das kann ich bestätigen! Vielen Dank für‘s Gespräch!


Liebste Grüße,

Jessi

Fotos: Jessika Fichtel | Feels like Erfurt

About Jessi
Jessi ist seit vier Jahren Wahl-Erfurterin. Ihren Wohnortwechsel hat sie zum Anlass genommen, einen Blog (über die Thüringer Landeshauptstadt) zu starten. Wenn sie sich nicht gerade um ihr Baby Feels like Erfurt kümmert, arbeitet sie als freiberufliche Autorin und schreibt an ihrem Erstlingsroman.