Think global, act local: Viva con Agua Erfurt

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Think global, act local: Viva con Agua Erfurt

Inhaltsübersicht
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viva con Agua Erfurt

*Dieser Artikel ist Teil der Reihe „Nachhal(l)tig aktiv in Erfurt“, ein Projekt, welches im Rahmen des kulturellen Jahresthemas der Stadt Erfurt „Kultur hallt nach“ entstanden ist und durch dieses gefördert wird. Wir stellen euch nachhaltige Akteur:innen der Stadt vor, die Erfurt auf vielfältige Art und Weise positiv beeinflussen, dazu beitragen, die Stadtgesellschaft positiv zu prägen und das Erfurtbild von Morgen skizzieren.

Nachhaltigkeit hat viele Gesichter. Das zeigt nicht nur unsere Artikelreihe „Nachhal(l)tig aktiv in Erfurt”, sondern auch das vielseitige Engagement der Akteur:innen, die lokal handeln, aber teils global wirken. Viva con Agua zum Beispiel, setzt sich weltweit für sauberes Trinkwasser und den Bau sanitärer Anlagen ein – unter anderem auch hier in Erfurt.

Viva con Agua Erfurt Crew-Mitglieder Mitch, Heike, Michéle, Nina (v.l.n.r.)

Wasser ist neben der Luft, die wir atmen, die Grundlage allen Lebens und ein zentrales Menschenrecht. Und doch ist der uneingeschränkte Zugang zu sanitären Anlagen und fließendem Wasser längst keine Selbstverständlichkeit. Auch wenn wir das hier in Zentraleuropa gut und gerne mal vergessen. Der gemeinnützige Verein Viva con Agua setzt sich deshalb weltweit für sauberes Trinkwasser und eine sanitäre Grundversorgung ein und ist auch hier in Erfurt mit einer eigenen Crew vertreten. Diese Gruppe engagierter und motivierter Freiwilliger trifft sich regelmäßig, plant Aktionen, Bildungsangebote und sammelt Spenden, die Wasserprojekten in Ländern des Globalen Südens zugutekommen.

Um mehr über den Verein, seinen Wirkungsbereich und seine Bedeutung zu erfahren, haben wir uns mit Mitch, Nina, Michèle und Heike getroffen. Sie alle engagieren sich für Viva von Agua in Erfurt und teilen die gemeinsame Vision „WASSER FÜR ALLE – ALLE FÜR WASSER!“. Im Gespräch haben uns die vier außerdem erklärt, wie ihre ehrenamtliche Arbeit bei Viva con Agua genau aussieht, was ihnen am meisten Spaß bereitet und warum auch du bei Viva con Agua Erfurt mitmachen solltest ;)

Seit wann gibt es Viva con Agua in Erfurt?

Mitch: Entstanden ist Viva con Agua Erfurt im Jahr 2012. Wir haben also bereits unser 10-jähriges Jubiläum gefeiert. Tatsächlich waren der Erfurter Sänger Clueso und der Zughafen die ausschlaggebenden Faktoren, die dazu führten, dass sich hier in Erfurt eine eigene Ortsgruppe gegründet hat. Unterstützer:innen und Freunde des Vereins gab es in Erfurt nämlich schon früher. Während wir ganz am Anfang nur zu zweit waren, haben wir in relativ kurzer Zeit relativ schnell Zuwachs gefunden. Gerade von Studierenden der Uni und der FH Erfurt. Und auch aus Weimar oder Jena. Wir sind nämlich tatsächlich die einzige Viva con Agua Ortsgruppe in ganz Thüringen.

Nina: Aber auch abseits dieser Studi-Bubble engagieren sich Menschen bei Viva con Agua Erfurt.

Wie setzt ihr euch bei Viva con Agua Erfurt für andere Menschen ein?

Nina: Durch verschiedene Fundraising-Aktionen generieren wir Gelder, die schließlich Wasserprojekten in Ländern des Globalen Südens* zugutekommen und da eingesetzt werden, wo Defizite in der Wasserversorgung bestehen. Alle Projekte, die wir unterstützen, zielen darauf ab, die Lebensbedingungen der Menschen vor Ort langfristig zu verbessern, z. B. durch den Bau von Trinkwasserbrunnen und Sanitäranlagen. Um Gelder hierfür aufzutreiben, sammeln wir auf Konzerten und Festivals Pfandbecher. Statt leere Getränkebecher zur Bar zurückzubringen, können Besucher:innen ihren Pfand in unsere Tonnen werfen und spenden. Ein Großteil der Erlöse fließt anschließend an die Welthungerhilfe, die die Projekte in den jeweiligen Ländern mit lokalen Partner*innen umsetzen.

Genauso wichtig wie das Sammeln von Spenden ist uns aber, auf die prekären Bedingungen in Sachen Wasser und Hygiene weltweit aufmerksam zu machen, damit sich die Menschen hier in Deutschland, bzw. in Thüringen ihrem hohen Lebensstandard bewusst werden. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass sich die Entwicklungszusammenarbeit oft rassistischen Mustern bedient, deshalb wünsche ich mir, dass wir uns mehr mit White Savourism auseinandersetzen, also das Phänomen, dass weiße Menschen sich als Retter:innen angeblich passiver, schwarzer Menschen in armen Ländern inszenieren. Insgesamt wollen wir also auf globale Ungerechtigkeiten und die Bedeutung von Wasser als Ressource aufmerksam machen, denn nur weil wir aktuell keine krassen Trinkwasserprobleme haben, heißt das nicht, dass diese nicht noch kommen. Unser Lebensstandard ist eng verknüpft mit der europäischen Kolonialgeschichte und den immer noch ausbeuterischen Abhängigkeiten.

*Die Begriffe „Globaler Süden“ und „Globaler Norden“ verweisen auf die privilegierte oder benachteiligte Position eines Landes im globalen Kontext, mehr dazu hier.

Heike: Kommuniziert wird unser Anliegen über die drei universellen Sprachen: Musik, Kunst und Sport. Wobei auch der Spaß nicht zu kurz kommt. Wir sind also nicht nur auf Konzerten und Festivals vertreten, wo wir versuchen, Menschen hier für sauberes Trinkwasser zu aktivieren und Spenden zu generieren, sondern sammeln auch auf Kunst- und Sportveranstaltungen Becher ein. Viva con Agua wurde sogar mit Hilfe des FC St. Pauli ins Leben gerufen – kommt also ursprünglich aus dem Sportbereich. Ich habe selbst eine Weile in Hamburg gelebt und mich bei Viva con Agua Hamburg engagiert. Ich sag dir: Bei jedem Heimspiel vom FC St. Pauli wurden wir quasi mit leeren Bechern beworfen, weil jede:r seinen:ihren Pfand spenden wollte. Da dabei zu sein, war wirklich ein ganz besonderes Gefühl!

Nina: Neben all dem gehören aber auch Projekt- und Bildungsarbeit an Schulen und Universitäten zu unserem Aufgabenbereich. Ziel ist dabei immer, die Menschen, mit denen wir in Kontakt treten, auf irgendeine Weise zu sensibilisieren. Virtuelles Wasser ist da auch ein ganz großes Thema. Denn oft ist man sich gar nicht im Klaren darüber, wofür Wasser tatsächlich verwendet wird. In unserer Kleidung steckt Wasser, in unserem Essen, selbst unsere Körper bestehen zu 80 Prozent aus Wasser. Es heißt halt auch nicht ohne Grund: Water is life. Auch wenn ich das persönlich immer ein bisschen cringy finde, trifft es das doch ganz gut.

Wie viele Mitglieder hat die Viva con Agua Erfurt Crew aktuell?

Nina: Das ist im ehrenamtlichen Bereich natürlich immer schwer zu sagen. Vor allem durch die Corona Pandemie ist unsere Crew etwas geschrumpft – aber das ist ein Problem mit dem nicht bloß wir, sondern auch andere Ehrenämter aktuell zu kämpfen haben. Trotzdem darf Viva con Agua Erfurt jetzt auch gerne wieder wachsen und wir freuen uns über neue Mitglieder. Das Kernteam besteht aktuell aus etwa 10 bis 15 Personen. Und dann kommen nochmal ca. 20 bis 25 Personen hinzu, bei denen man nicht genau weiß, ob sie irgendwann nochmal wieder auftauchen oder eben nicht (lacht).

Michèle: Aber das ist eigentlich auch das Coole an Viva con Agua. Man braucht wirklich keine Angst haben, dass man bei uns nicht mehr gern gesehen ist, wenn man mal ein halbes Jahr oder länger ausgesetzt – ganz egal aus welchen Gründen. Klar, ehrenamtliche Arbeit funktioniert nur, wenn sich Menschen verpflichtend engagieren und am Ende auch aufeinander Verlass ist. Die Freude über jede:n, der:die wieder- oder neu einsteigt, ist so oder so aber wirklich groß.

Wenn’s richtig gut läuft, wie viel Becherpfand sammelt ihr dann so an einem Abend?

Mitch: Rekord war tatsächlich vor fünf Jahren ein Open Air von Clueso und Bosse auf dem Domplatz hier in Erfurt. Da haben wir an einem Abend mehr als 5.000 Euro Spenden gesammelt. Das war krass!

Nina: Wie viel Geld wir an einem Abend machen, ist je nach Veranstaltung und Publikum aber wirklich total unterschiedlich. Aktuell merkt man auf jeden Fall auch, dass die Menschen aufgrund der steigenden Inflation nicht mehr so viel Geld zum Spenden übrig haben.

Mitch: Es hängt aber immer auch von den Künstler:innen und Bühnenacts ab, wie viele Spenden wir an einem Abend generieren können. So gibt es Künstler:innen, die uns persönlich sehr stark supporten, die Ansagen droppen und auf uns verweisen. Ein Künstler und Unterstützer der ersten Stunde ist zum Beispiel Axel Bosse. Egal wo und wann der Mann auftritt: Er nimmt sich in der Regel immer die Zeit und macht auf Viva con Agua aufmerksam. Das Commitment geht tatsächlich sogar so weit, dass Bosse selbst schon mit Viva con Agua in Äthiopien war.

Wie kann man bei euch mitmachen?

Michèle: Der wohl einfachste Weg ist, sich via Instagram oder E-Mail bei uns zu melden. Ansonsten kann man uns aber auch einfach bei Veranstaltungen ansprechen oder spontan zu einem Crew-Treffen vorbeikommen. Die Treffen finden jeden ersten Montag im Monat statt, meistens in der Engelsburg. In den Sommermonaten sind wir aber auch gerne mal am StattStrand.

Nina: Bei uns muss man auch keine Kriterien erfüllen, um mitzumachen. Jede:r der:die Lust hat, Teil von Viva con Agua Erfurt zu sein, hat die Möglichkeit dazu. Es gibt auch keinen Mitgliedsvertrag oder sowas, das läuft bei uns alles auf Vertrauensbasis und freiwilligem Engagement.

Der Rest ist Learning by doing. Natürlich sollte man schon wissen, wie das Bechersammeln funktioniert, und so grob informiert sein, wie Viva con Agua aufgestellt ist, aber alles mit der Zeit. Man wird auf keiner Veranstaltung alleine gelassen, sondern ist immer mit Personen unterwegs, die schon länger dabei sind. Das hilft gerade zu Beginn ungemein und macht auch einfach mehr Spaß.

Heike: Ich erinnere mich noch an mein erstes Mal Bechersammeln mit Viva con Agua. Ich war einfach soooo aufgeregt und habe mir voll Sorgen gemacht, dass ich noch nicht so weit bin. Rückblickend total unberechtigt. Traut euch einfach!

Mitch: Und selbst wenn: Es ist auch überhaupt keine Schande, wenn man mal eine Frage am Infostand gestellt bekommt und die einfach nicht beantworten kann. Ich bin jetzt seit zehn Jahren dabei und auch ich komme manchmal ins Straucheln und bin nicht mit jedem Aspekt

bis ins kleinste Detail vertraut. Und das ist auch völlig okay so. Es ist und bleibt am Ende ja auch einfach ein Ehrenamt und wir sind freiwillige Repräsentant:innen der Mission.

Was ist denn eure persönliche Motivation hinter eurem Ehrenamt? Warum seid ihr bei Viva con Agua Erfurt dabei?

Heike: Ich bin schon so lange bei Viva con Agua dabei, dass dieses Ehrenamt mittlerweile ein so großer Teil meines Lebens ist. Die vielen Konzerte, Aktionen, Freunde, Ideen und coolen Menschen: Das mag ich einfach alles nicht mehr missen. Als ich vor etwa einem Jahr nach Erfurt gezogen bin, war es mir daher unheimlich wichtig, wieder in eine Stadt zu ziehen, in der Viva con Agua auch mit einer eigenen Crew vertreten ist.

Außerdem habe ich bei Viva con Agua das Gefühl, nicht nutzlos rumzustehen und irgendwelche shady Spendenverträge, gekoppelt an mein eigenes Einkommen abzuschließen. Stattdessen bin ich selbst aktiv und trage meinen eigenen Teil dazu bei. Das fühlt sich für mich irgendwie richtig an. Das Schönste ist außerdem, wenn die Menschen aus Uganda und anderen Ländern, die wir mit unseren Geldern unterstützen, hier nach Deutschland kommen. In regelmäßigen Abständen gibt es solche Treffen und man besucht z. B. gemeinsam ein Festival. Das ist so bereichernd und führt einem immer wieder vor Augen, warum man all das überhaupt macht.

Nina: Ich finde, dass globale Themen oft nicht ausreichend Aufmerksamkeit bekommen. Klar, man weiß schon, dass Wasser an sich keine unendliche Ressource ist, bewusst ist man sich dessen hier aber oft nicht. Wie auch: Man dreht den Wasserhahn auf und da kommt Wasser in Trinkqualität raus – EU-weit! Das ist ein enormes Privileg, für das wir de facto nichts getan haben. Das ist einfach bloßer Zufall und Glück. Und hier setzt Viva con Agua an. Wir sensibilisieren Menschen dafür, dass es in anderen Ländern eben nicht so ist wie bei uns und arbeiten gemeinsam daran, die Situation für alle zu verbessern. Dieser Ansatz und diese Vision motivieren mich immer wieder neu.

Michèle: Tatsächlich habe ich den Wunsch, bei Viva con Agua mitzumachen, am Anfang relativ lange mit mir rumgetragen. Ich hatte großen Respekt davor, es zeitlich nicht zu packen, bis ich dann irgendwann gemerkt habe, dass ein Ehrenamt bei Viva con Agua nichts mit Verpflichtungen zu tun hat, die total konstant sein müssen, sondern dass jede:r das an Zeit gibt, was er:sie kann. Was mir auch gefällt, ist die Art der Vermittlung. Statt stundenlang auf jemanden einzureden und Menschen mit Infos zu überschütten, verbreitet man Freude und schafft es so, die Leute mitzureißen.

Mitch: Ich bin mittlerweile seit über 10 Jahren aktiv bei Viva con Agua. Ich bin also kurz nachdem sich hier in Erfurt die Crew gegründet hat, eingestiegen. Von Anfang an hat mich der Ansatz überzeugt, dass man mit Aktionen, bei denen man selbst Spaß hat, Spendengelder für globale Projekte sammelt. Man muss kein Samariter sein, um ehrenamtlich tätig zu sein und anderen etwas Gutes zu tun. Stattdessen ist es vollkommen in Ordnung, wenn man selbst Spaß bei der Sache hat und ein tolles Konzert oder eine tolle Veranstaltung miterlebt.

Welche Vision habt ihr für die Zukunft von Viva con Agua Erfurt?

Nina: Ich würde mich voll freuen, wenn viele Leute mal bei Viva con Agua Erfurt vorbeischauen. Man kann ja auch immer noch gehen, wenn man es nicht mag. Deswegen: einfach mal vorbeigucken. Es gibt wie gesagt viele Möglichkeiten mitzumachen und sich einzubringen.

Global gesehen wünsche ich mir nicht bloß, dass Bürger:innen und Einzelpersonen verstehen, dass sie Wirkungsmacht haben, etwas zu verändern, sondern auch, dass sich politische Rahmenbedingungen ändern. Es ist so surreal und ungleich: Wir waren auf dem Mond, aber schaffen es nicht, allen Menschen den Zugang zu Wasser zu ermöglichen. Dabei ist das so basic. Ich hoffe sehr, dass dieses Ungleichgewicht mit der Zeit immer weiter aus der Welt geschafft wird.

Mitch: Was ich mir für die Crew hier in Erfurt wünsche ist, dass wir uns durch die Hilfe von neuen Suporter:innen breiter aufstellen können und in der Organisation und Struktur so vielleicht weniger von Einzelpersonen abhängig sind. Ist vielleicht auch ein bisschen gesünder, als wenn eine Handvoll Einzelpersonen versucht, alles alleine zu stemmen und sich die Arbeit stattdessen auf mehrere Schultern verteilt. Stichwort Mental Health im Ehrenamt. Wenn mehr Leute da sind, kann man am Ende auch besser auf sich Acht geben.

Heike: Ich würde mir auch wünschen, dass wir wachsen und neue Mitglieder für unsere Crew generieren. Je mehr Menschen wir sind, desto größer ist schließlich auch der Input und der Austausch. Das ist enorm wertvoll, steckt an und sorgt für Dynamik. Außerdem freuen wir uns, wenn Menschen aus ganz verschiedenen Richtungen zu uns stoßen und Viva con Agua Erfurt noch bunter und diverser wird. Auch das wollen wir in den nächsten Jahren ganz bewusst angehen.

Also worauf wartest du noch? Engagiere dich bei Viva con Agua Erfurt. Oder denk beim nächsten Konzertbesuch an die Jungs und Mädels der Crew. Die machen nämlich verdammt tolle Arbeit. Sowas von unterstützenswert – egal auf welche Art und Weise.

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