Umweltbewusst einkaufen und schlemmen im Clärchen: Tim Borgmanns Bioladen mit Café

Umweltbewusst einkaufen und schlemmen im Clärchen: Tim Borgmanns Bioladen mit Café

Inhaltsübersicht
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Im Supermarkt einkaufen ist einfach: Es gibt eine riesige Auswahl, ihr könnt euch einfach bedienen und meistens geht es super schnell. Der Nachteil an der Sache? Am Ende weiß oft keine:r, woher die Produkte im eigenen Einkaufwagen eigentlich kommen und wie viele Kilometer diese zurückgelegt haben, um hier zu landen. Im Clärchen funktioniert das anders. Das Clärchen Erfurt ist ein Bioladen mit eigenem Café in der Meienbergstraße, der seit nunmehr sieben Jahren von Inhaber Tim Borgmann mit viel Leidenschaft geführt wird. Hier findet ihr hauptsächlich regionale Lebensmittel, aber auch hausgemachte Spezialitäten, mit kurzen Transportwegen, für die Händler:innen und Arbeiter:innen fair bezahlt werden. Wir haben Tim getroffen und mehr über seine Idee vom nachhaltigen Einkaufen erfahren.

Wann und wie ist das Clärchen Erfurt entstanden?

Ich habe erst in Halle Ernährungswissenschaften studiert und einige Jahre in dem Bereich gearbeitet. Zu dieser Zeit haben gerade die ersten Unverpacktläden eröffnet und das Bewusstsein für nachhaltiges Einkaufen ist gestiegen – auch bei mir selbst. Ich habe schon damals versucht, so wenig Müll wie möglich zu produzieren, aber mit dem Gedanken an einen eigenen Laden habe ich nicht gespielt. Bis mir das Angebot dann quasi vor die Füße gefallen ist. Der Laden war ja am Anfang dort, wo heute ein kleiner Blumenladen ist, also direkt nebenan, und ich kannte die Familie, der das Haus gehört. So kam eins zum anderen und ich habe die Chance ergriffen: Im Dezember 2015 hat dort das Clärchen eröffnet.

Ich wollte einfach genau so einen Laden führen, wie ich ihn selbst als Kunde gerne hätte. Ich habe es aber nie gelernt, selbstständig zu sein und so lief am Anfang viel nach Gefühl. Das Rechnen ist für mich immer noch eine Dauerlernaufgabe. Wir haben anfangs nur ein paar Regale und Behälter gekauft. Die Kühlgeräte haben wir zum Glück gebraucht bekommen und dann haben wir einfach losgelegt und ausprobiert, was sich gut anfühlt. Nach einem Jahr hat sich der Laden zwar noch nicht wirtschaftlich getragen, das Gefühl war aber da und ich wusste: Genau das will ich machen. Der Laden sollte von Anfang an mehr sein als ein Bioladen – wir wollten auch selbst Lebensmittel verarbeiten und ein Café eröffnen. Nach drei Jahren hat das dann auch geklappt und wir konnten in die jetzigen Räume wechseln, wo wir den Bioladen und das Biocafé unter einem Dach haben.

Von woher kommen die Lebensmittel ins Clärchen?

Unser Hauptfokus liegt auf kleinen Betrieben und Manufakturen in der Umgebung. Deswegen gibt es hier nur Obst und Gemüse, das gerade Saison hat. Unsere regionalen Händler:innen kennen wir persönlich und haben ein richtig freundschaftliches Verhältnis. Viele Abmachungen basieren auch nur auf Handschlag, aber das funktioniert! Am liebsten bieten wir Sachen aus Thüringen an, aber wenn es da gerade kein Angebot gibt, schauen wir deutschlandweit und wenn wir da auch nichts finden, gucken wir, was es europaweit gibt. Manche Produkte beziehen wir auch aus dem Großhandel. Aber es ist okay für uns, auch Lücken im Sortiment zu haben, weil eben nicht immer jedes Obst und Gemüse verfügbar ist. Vielen Leuten ist das gar nicht bewusst und muss erstmal erklärt werden, weil es im normalen Supermarkt ja immer alles gibt.

Wie sieht der Arbeitsalltag im Clärchen Erfurt aus?

Momentan fangen wir halb neun an einzuräumen, Lebensmittel zu sortieren und zu verarbeiten, Brote zu schmieren und Waren anzunehmen. Um 10 Uhr öffnet der Laden dann für Kundschaft, aber meistens wird im Hintergrund noch bis mittags produziert, wobei wir gerade versuchen, den Großteil der Produktion an einem Tag zu erledigen. Vor der Pandemie liefen das Mittags- und das Kaffeegeschäft auch richtig gut, aber das ist leider nicht mehr so. Die meisten Kund:innen kommen jetzt nachmittags ‘nur‘ zum Einkaufen.

Was stellt ihr selbst im Laden her?

Wir machen drei vegane Aufstriche und einen Frischkäse-Mix, Tartes, Kuchen und Teigtaschen, aber auch Eierlikör, Erdbeer- und Holundersirup. Dienstags und freitags backen wir Dinkel- und Sauerteigbrötchen und im Sommer wird samstags Vanilleeis hergestellt. Das kann dann in der Waffel oder im Weckglas mit verschiedenen Toppings wie Erdbeersoße oder Eierlikör gegessen werden – natürlich stammt alles aus eigener Herstellung. Super lecker!

Schon gewusst? Im Clärchen Erfurt könnt ihr auch Caterings bestellen. Das gewünschte Essen wird frisch aus regionalen Produkten und mit ganz viel Liebe zubereitet.

Auf welches Produkt aus dem Clärchen Erfurbist du besonders stolz?

Einmal auf unser selbstgemachtes Vanilleeis, aber ich liebe auch unsere vegane Leberwurst. Die machen wir nach einem alten Rezept einer Fleischerfamilie. Die Basis dafür sind Thüringer Linsen und der Aufstrich schmeckt tatsächlich nach Leberwurst, das mögen zwar nicht alle, aber ich finde es super verrückt.

Was magst du am liebsten an der Arbeit im Clärchen?

Dass ich komplett dahinter stehe und dass wirklich alle Leute, mit denen ich zusammenarbeite, ganz liebe und sympathische Menschen sind. Dadurch macht die Arbeit einfach Spaß und das ist unglaublich viel wert. Ich freue mich auch zu sehen, dass einige Leute schon seit 2015 bei uns einkaufen und ganze Wocheneinkäufe hier erledigen. Davor habe ich wirklich Respekt! Super sind auch die positiven Rückmeldungen von Kund:innen, ihre Begeisterung und Freude zu sehen – auch bei den Lieferant:innen. Die meisten von ihnen freue sich unglaublich, wenn jemand ihre Arbeit zu schätzen weiß und sie dafür auch angemessen bezahlen möchte. Generell finde ich es einfach super mit Gleichgesinnten zusammenzuarbeiten – letzten Endes wollen wir ja alle etwas verbessern und es macht viel Spaß sich dabei gegenseitig zu unterstützen und miteinander zu kooperieren.

Welche Auswirkungen hat(te) die Pandemie auf euer Geschäftsleben?

Vor Corona bestand unser Team aus elf Mitarbeiter:innen, aber jetzt gerade sind wir nur noch vier Leute: eine Teilzeitkraft, zwei Minijobber:innen und ich. Von den sechs Tischen im Café haben wir nur noch drei und selbst die füllen sich nicht mehr so wie früher. Vor Corona haben wir im Clärchen sogar Konzerte veranstaltet und den Café-Raum für Film- und Diskussionsabende und für verschiedene Gruppen geöffnet, die einen Treffpunkt brauchten. Davon trifft sich nun nur noch der agrarpolitische Stammtisch. Der Raum und die Möglichkeiten sind nach wie vor da, aber die Nachfrage scheint nicht mehr zu bestehen.

Wir müssen gerade generell sehr um Sichtbarkeit kämpfen. Es scheint keine Entwicklung mehr zu geben, denn kaum neue Kund:innen kommen herein und unsere Stammkund:innen tragen im Prinzip den ganzen Laden. Klar, da fragen wir uns, woran das liegt. Was können wir anders machen? Wir versuchen das mit Umfragen herauszufinden und mit Pappschildern am Fenster auf den Laden aufmerksam zu machen, denn in der Straße hier wird man schnell übersehen. Wir konzentrieren uns jetzt erstmal mehr auf das Ladengeschäft und haben deswegen den Bereich für die Kund:innen etwas größer gemacht. Vielleicht würde ein größerer Laden mit noch mehr Platz und besserer Sichtbarkeit von außen das Problem lösen, aber solche Räumlichkeiten zu finden, ist schwer. Ich habe mit dem Bioladen jedenfalls etwas gefunden, hinter dem ich zu einhundert Prozent stehe und das möchte ich jetzt nicht einfach aufgeben.

Was ist euer Jahresziel?

Das klingt banal, aber es ist für dieses Jahr unser Ziel, dass der Laden wieder schwarze Zahlen schreibt. Das passiert gerade nämlich überhaupt nicht und ich möchte wirklich kein Teil vom großen Ladensterben sein, denn gerade schließen unglaublich viele kleine Läden aus finanziellen Gründen. Wir wollen erstmal noch einiges versuchen und den Wünschen der Kund:innen nachkommen. Im September, wenn das Sommerloch vorbei ist, geht es hoffentlich wieder bergauf.

Wir hoffen sehr, dass für Tim und das Clärchen Erfurt bald wieder bessere Zeiten kommen. Klar, in einem kleinen Bioladen einzukaufen, ist nicht für jede:n etwas. Es braucht mehr Zeit als ein Einkauf im Supermarkt, mehr Geduld und eben den nötigen Willen, aber es lohnt sich! Im Clärchen könnt ihr sehen, wie liebevoll und nachhaltig der Umgang mit Lebensmitteln gestaltet werden kann und legen euch ans Herz, Laden und Café mal einen Besuch abzustatten – selbst wenn ihr nur auf ein Eis, einen Kaffee oder ein frisches Brötchen vorbeischaut.

Anschrift:
Meienbergstraße 10, 99084 Erfurt

Öffnungszeiten:
Mo-Di: 10:00 – 19:00 Uhr
Do-Fr: 10:00 – 19:00 Uhr
Sa: 10:00 – 17:00 Uhr

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