Ausflug in den Wortwald – das erste Buch der Aktionsgruppe Eskapismus

Ausflug in den Wortwald – das erste Buch der Aktionsgruppe Eskapismus

Okay, Fanboys und -girls! Wer immer fleißig Feels like Erfurt liest, weiß, dass ich hier mal einen halben Roman über die Aktionsgruppe Eskapismus verfasst hab. Das lag daran, dass ich mich echt verdammt lange mit ihnen unterhalten hab, was wiederum dazu geführt hat, dass ich sie ein bisschen (doll) ins Herz geschlossen hab.

Keine Frage also, dass ich zu dem Release ihrer ersten eigenen Anthologie „Wortwald“ auf der Matte stand. An diesem unterhaltsamen Abend (der übrigens bald in Form eines Trinkspiels wiederholt werden soll, soweit ich weiß, ich halt euch auf dem Laufenden! Hoffe, ihr mögt Pfeffi) haben ein paar der veröffentlichten Autoren Texte aus dem Wortwald oder eigens für diesen Anlass verfasste Meisterwerke vorgetragen. Auf eine Leinwand wurden die auch im Buch abgedruckten wunderbaren Illustrationen der ebenfalls wunderbaren Krajamine projiziert und außerdem hat ein Typ mit Sack auf dem Kopf Lieder gesungen. Ich saß in der ersten Reihe und er verströmte einen äußerst interessanten Geruch, aber das war Teil der Performance… glaube ich.

Jedenfalls habt ihr was verpasst, wenn ihr nicht da wart.

„Das Thema Wortwald entstand aus der Beschäftigung mit unserer (Wahl-)Heimat Thüringen. Bewusst wollten wir Thüringen und Mitteldeutschland in seiner künstlerischen Identität betrachten – jedoch fernab von Bratwurst und Jenaer Industrie…“

Nachdem Feels like Erfurt sich erst seit der letzten Woche mit einer Buchrezension schmücken darf, kommt hier auch schon die zweite. Denn Geschichten, noch dazu über den Wald, passen hervorragend in die Vorweihnachtszeit. Vorhang auf für die Texte, die mir ganz besonders im Kopf geblieben sind…

PS. Ich habe noch nie eine Buchrezension geschrieben.

*Affiliate Link


Isegrim – Antje Lampe

In Isegrim geht es um Paula, die mit ihrem Kindergarten einen Ausflug in den Wald macht. Ich weiß nicht, was mit Antje los ist, aber sie schreibt mit der Intelligenz einer Antje aus der Sicht einer Kindergarten-Paula, die man trotz ihrer viel geschimpften Vergesslichkeit sofort gern hat. Vielleicht geht es in den Geschichten der anderen Autoren brutaler oder mystischer zu, aber in kaum eine Figur kann man sich so gut hineinversetzen wie in dieses kleine Persönchen. Lasst euch den Rest von Paula erzählen.

„Du, im Wald gibt es Wölfe“, verriet er Paula mit großen Augen.
„Das weiß ich doch längst“, erwiderte sie, obwohl sie davon noch nie gehört hatte.

Der Seelenwald – Fuchstraum

Der Fuchs mag Stephen King und nachdem ich gerade meine jüngste Stephen King Erfahrung überwunden hatte, lese ich „Nichts wird verschwendet“ im Wortwald. Danke, Fuchs. Weil ich heute Nacht gern gut schlafen würde, stelle ich deshalb aus Protest deine andere Geschichte vor (vielleicht ist das auch nur ein Vorwand, weil ich mich nicht entscheiden kann). Worum ich den Fuchs am meisten beneide, ist sein Talent dafür, mit Worten Atmosphäre zu erzeugen – das hat mich schon vor unserem ersten Treffen total umgehauen. Mit dem Seelenwald reibt er mir dieses Talent mal wieder schön unter die Nase – als ehemaliger kleiner Dorfrabauke hab ich einige Stellen zwei Mal gelesen und Zuhause vermisst, das sagt ja wohl alles.

„Weißt du“, sagte sie, „Worte sind nicht nur Worte. Manchmal ist da etwas hinter ihnen, das wir verloren haben und das wir unser Leben lang suchen.“

Hellweg und der Wald – Frederic Schulz

Hellweg, Hellweg, Hellweg! Traum meiner schlaflosen Nächte. Dieser Typ ist einfach zum Schießen. Hab die Geschichte in der Vorlesung gelesen und musste ununterbrochen lachen, weshalb ich dann lieber abgebrochen hab – und das ist mir wirklich noch nie beim Lesen passiert. Mein Lieblingsfakt an Hellweg: Es gibt mehr als eine Geschichte und man munkelt (nein, es steht schwarz auf weiß im Autorenverzeichnis, ich bin im siebten Himmel), ein gewisser Freddy arbeitet an einem Hellweg-Roman. ICH KANN ES KAUM ERWARTEN!

„Der alte Sparuchs hatte zeit seines Lebens einfach sagenhaft geblufft, was seinen vollständigen Besitzstand anbelangte. Goldreserven in Zürich, Aktiendepots in den USA, Baugrund am Haferland und acht Hektar Wald, dazu noch eine seltene Fender-Gitarre – wieso das denn eigentlich? Hellweg bekam den Wald.“

Falls ihr euch übrigens ein lebhafteres Bild von Hellweg machen wollt, empfehle ich euch unbedingt, meinen ersten Eskapisten-Beitrag anzuklicken und das Hörspiel anzuhören – ihr werdet Freddys Stimme und Vortragsweise dabei im Kopf behalten, glaubt mir :)

All I Need Is Some Sunshine – Demien Bartók

Wenn mich nicht alles täuscht, ist diese Geschichte von dem Typ mit Sack auf dem Kopf. Hab eine kleine Namens- und Gesichtserinnerungsschwäche, wobei ich mir diesmal bei ersterem relativ sicher bin und das Zweite aufgrund des Sackes ja eh nicht von Belang ist. Erfurtliebhaber müssen hier ganz schön stark sein, aber ich weiß nicht, irgendetwas an diesem Text hat mich fasziniert – vermutlich auch, weil ich ihn dieser ominösen Sack-Erscheinung am Release-Abend zuordne oder weil es so ist, als würde man in den Kopf eines Wahnsinnigen lunzen. Irgendwie verwirrend, aber gut geschrieben, perfekte Lektüre für einen verkaterten Novembersonntag in meiner Badewanne. Und das auch wenn ich in meinem Katergeist sehr viele Diskussionen mit Herrn Bartók begonnen habe, der mich in der Realität aber vermutlich in Grund und Boden argumentieren oder sehr verwirren würde.

„Je kritischer die Lage, desto Näher bist du dem Wesentlichen und die violetten Naturstreifen zwischen brüllenden Hauptstraßen duften der Innenstadt alles entgegen, was sie haben, denn ohne den Geruch der Blumen und ohne das Rauschen der Bäume und ohne das Plätschern des Springbrunnens würden alle Menschen übereinander herfallen.“

Achim iacta est – Arne Hirsemann

Mal wieder nichts für mein absolut niedriges Gruseltoleranzniveau. Ein bisschen gestört und du denkst dabei die ganze Zeit „Verstehe ich das gerade wirklich richtig?!“. Auch, wenn letztendlich genug Hinweise vorliegen um zu verstehen, ist es eine dieser Geschichten, bei denen man am Ende trotzdem denkt „Was?! Das kann doch nicht wirklich so sein, gib mir mehr Infos!“. Ich weiß nicht, wie man auf so eine verrückte Idee kommt, aber wahrscheinlich fesselt der Text genau deshalb bis zum Schluss.

„Miriam, auf der anderen Seite stehend, sperrte ihm mit einem kräftigen Ruck den Kiefer auf und kippte den Kaffee mit Schwung in seinen Rachen. Ich schüttelte seinen Schädel ein paar Mal hin und her, wir hörten ein lautes Gurgeln und als wir uns wieder setzen wollten, lief durch eine Wunde in seinem Hals alles wieder heraus.“ (Also wirklich, namenloser Protagonist und Miriam, was zur Hölle ist denn mit euch?)

Döner essen in Bautzen – Frauke Angel

Ich muss sagen, dass der Schreibstil von Frauke Angel nicht so ganz mein Fall ist, aber weil sie zum Wortwaldrelease eine andere Geschichte vorgelesen hat und das sehr lebhaft (sie ist nämlich auch Schauspielerin), konnte ich sie erzählen hören und etwas mehr Gefallen daran finden. Außerdem war ich neugierig, denn Freddy berichtete, dass der Text zuerst nicht aufgenommen werden sollte, weil offenkundig der Wald fehle, doch als Frauke ihm widersprach, entdeckte er den Wald auch – zwischen den Zeilen. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich selbst ihn gefunden habe und denke noch viel darüber nach, was die Geschichte natürlich besonders hervorhebt. Außerdem nimmt sie in den letzten sechs Zeilen eine überraschende Wendung, die mich mal wieder völlig aus dem Konzept gebracht hat.

„Was für ’ne gottverfickte Scheißidee, seid ihr irre? Onkel Sams Hütte in der thüringischen Aussteigeridylle, ich lach mich schlapp!“

Doch inzwischen war Freddie selbst ausgestiegen. Mitt 36 auf der Toilette im Berghain raus- und nicht wieder reingefunden in seine Hirnwindungen, und vor Onkel Sams Hütte ein jubelnder Blick in den Sonnenuntergang und der Freund im Unrecht.

Nachtspaziergang – Peter Dreißig

Die Handlung des Nachtspaziergang reißt mich gar nicht so sehr mit, was aber auch nicht sooo wichtig ist, denn obwohl relativ viel passiert, spielt sich das meiste im Kopf des „Studenten“ ab. Und das ist echt ein sympathischer Typ; (ungewollt) witzig, chaotisch, ein bisschen Loser, aber intelligent und gibt mit seinem Halbwissen ein paar Denkanstöße, Literaturempfehlungen (auch wenn er die selber nicht gelesen hat) und Hinweise auf gute Musik. Die stammt in diesem Falle von Neil Young, den ich ganz nett finde, nur bisher nie mehr als zwei Lieder von ihm kannte – aber die immerhin auswendig. Jedenfalls steh ich total drauf, wenn man sich auf diese Art ein Stück der Geschichte in die Realität holen und die Stimmung des Textes besser nachvollziehen kann. Danke für die kleine Horizonterweiterung, Student und Peter Dreißig ;)

Aber ein Mister Young schreibt, wann er will, was er will. „Du musst aufhören, Dinge zu tun, die für dich nicht gut sind. Das beschädigt die Kreativität.“ Fuck you, Mister! Mietrückstände beschädigen die Scheißkreativiät.

Autorenverzeichnis

Ein kleines Werk für sich, das man nicht übersehen sollte. Ich würde jetzt einfach mal raten, dass jeder Autor seinen eigene Vorstellung geschrieben hat, denn erstaunlicherweise wechselt der Schreibstil mit jedem Namen. Mein Favorit: Demien Bartók. Und der letzte Satz von Frederic Schulz, hehe.

Insgesamt also ein mehr als lesenswertes Buch von 13 „Ausnahmetalente[n] der mitteldeutschen Literatur in Kurzprosa und Lyrik“ (besser könnte man es nicht sagen), mit dessen Qualität man einfach nicht rechnet. Den Eskapisten sei Dank, dass sie diese Autoren mal zu Tage befördern, was ja schließlich auch Zielstellung des Ganzen war.
In der nächsten Auflage werden ein paar kleine Änderungen vorgenommen. Unter anderem gibt es als Special der Eskapisten einen, wie sie es nennen, „Remix“ des Märchens Rotkäppchen. Heißt, jeder verfremdet den Text in seinem eigenen Stil. Zum Wortwald-Release hatten wir Gäste die Ehre, die drei verschiedenen Versionen vorgelesen zu bekommen und sie sind, wie soll es anders sein, so wunderbar wie alles, was den Eskapisten so aus der Feder flieht (haha, Wortwitz) :)

💝 Danke an Isa von The Booklettes, die mir Tipps für Rezensionen gegeben hat.

💝 Danke an die Eskapisten, dass sie solche Projekte auf die Beine stellen und für das geschenkte Exemplar.

💝 Wortwald: Anthologie der Aktionsgruppe Eskapismus (Hrsg.) auf Amazon*


Liebste Grüße

Elisa

 Fotos: Elisa Donatt | Feels like Erfurt

About Elisa
Elisa ist zwar mittlerweile kein Erfurter Ersti mehr – aber immer noch auf Entdeckungstour durch die Stadt. Weil man beim Studieren nicht genug zu tun hat (und vielleicht auch, weil sie lieber schreibt als paukt), ist sie ein festes Teammitglied bei Feels like Erfurt. Hier nimmt sie dich mit ins Erfurter Studentenleben, denn „Wer gut studieren will, der komme nach Erfurt“, das sagte schon Martin Luther. Und damit wird er ja nicht nur das Campusleben gemeint haben, oder?!